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Juden in Marburg

Ein dunkles Kapitel Marburger Geschichte

http://www.op-marburg.de/Lokales/Marburg/Ein-dunkles-Kapitel-Marburger-Geschichte vom 25.08.2014

Ein Marburger Foto und seine Geschichte: Jakob Spier wurde am 26. August 1933 durch die Straßen unserer Stadt getrieben.

Das Foto zeigt, wie die SA (links im Bild) den Marburger Mediziner Jakob Spier (mit Schild) am Rudolphsplatz vorbei in Richtung Marktplatz geleitet.

Marburg. 1933 mussten jüdische Deutsche sich auf einen neuen Alltag einstellen, den der Nationalsozialismus ihnen aufzwang. Freunde und Bekannte kehrten sich ab, und Recht und Gesetz wichen vor dem Aktionismus zurück, den radikale Antisemiten nun ungestraft ausagieren durften. Zu den deprimierendsten Erscheinungen dieser Art zählen an das Mittelalter anknüpfende Zurschaustellungen von "Übeltätern", die sich in ungezählten Orten abspielten. Ein rares Dokument für die Szenerie, in welcher dergleichen vonstattenging, bietet das im Presse- und Informationsamt der Stadt Marburg überlieferte nebenstehende Foto.

In Marburg tritt die an den guten Ruf des hier bis 1919 stationierten Jäger-Bataillons Nr. 11 anknüpfende SA-Standarte "Jäger 11" als Vollstreckerin auf den Plan. Ziel ihrer Hassattacke ist der Mediziner Jakob Spier, den Angehörige des "Studenten"-Sturms 4 am 26. August 1933, einem Samstag, mit sich nehmen.

Sie ist auf die öffentliche Herabwürdigung ihres Opfers wohl vorbereitet, drückt ihm ein großes Schild in die Hand, mit dem er das, was in den Augen der Nazis als sein "Verbrechen" anzuprangern ist, allen mitteilen soll: "Ich habe ein Christenmädchen geschändet!" Um die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich zu lenken, hat sie außerdem den SA-Spielmannszug mitgebracht.

Liebe zu einem christlichen Mädchen

Die "Oberhessische Zeitung" schilderte dieses Spektakel zwei Tage später unter der Überschrift "Am Pranger" so: "Ein Jude [sei] durch die Straßen der Stadt geleitet" worden: "Auf dem Marktplatz angekommen, geißelte Standartenreferent Todenhöfer die Tat des Juden und warnte ihn, noch einmal mit Christenmädchen in Verbindung zu treten."

Jener Jurist Paul-Gerhard Todenhöfer (1912 bis 1973), Pfarrerssohn und Führer der Marburger Studentenschaft, war ein paar Jahre später stellvertretender Leiter eines mit "Judenangelegenheiten" befassten Referats im Auswärtigen Amt.

Vom Führer des Sturms 4 - damals Friedrich Hellwig (geboren 1898) - wollte das Lokalblatt erfahren haben, dass es sich bei dem Gedemütigten um den "Studenten Spier aus Gemünden" gehandelt habe. Dieselbe Angabe findet sich auch in der offiziellen Chronik der Stadt Marburg; doch lag hier offenbar eine Verwechslung mit der Familie von Willi Spier (1870 bis 1950) vor, dem Lehrer der Gemündener Israelitischen Schule, dessen Tochter in Medizin promoviert hatte. Am Ende sei "der Jude in Schutzhaft abgeführt" worden.

Eltern der Freundin unternahmen nichts

Unklar ist der Ausgangspunkt des Umzugs. Heißt es in der Zeitung, Jakob Spier sei "von vier SA-Leuten zum Kämpfrasen geholt [worden], von wo aus der Marsch angetreten wurde", so erinnert sich der Zeitzeuge Heinz Düx, dass er ihn in der Weidenhäuser Straße beobachtet habe, und er sei vom Alten Kirchhainer Weg gekommen.

In der Nachkriegszeit gesammelte Mitteilungen zweier US-amerikanischer Forscher deuten darauf hin, dass die Eltern der jungen Frau an jenem 26. August nichts unternahmen, um deren Freund eine solche Demütigung zu ersparen (John K. Dickinson, German and Jew. The Life and Death of Sigmund Stein, 2. Aufl. Chicago 2001, S. 155), obwohl die Liebenden sich mit dem Einverständnis ihrer Eltern verabredet hatten (John R. Willertz, Marburg unter dem Nationalsozialismus, in dem Sammelband von 1980: "Marburger Geschichte", S. 600).

1927 noch Mitglied einer schlagenden Verbindung

Wer war nun der Leidtragende des von der Jäger-Standarte inszenierten Spektakels? Jakob Spier, 1908 in eine Familie aus Schrecksbach im damaligen Kreis Ziegenhain hineingeboren, war der älteste Sohn von Julius Spier (1877 bis 1941), einem bewährten Sozialdemokraten und langjährigen Inhaber eines Manufakturwarengeschäfts. Jakob Spier besuchte das Oberrealgymnasium in Alsfeld, ehe er 1927 in Heidelberg ein Medizinstudium aufnahm und sich einer schlagenden Verbindung anschloss, die noch bereit war, Juden aufzunehmen.

Vom Wintersemester 1930/31 bis Mitte Januar 1933 war er in Marburg eingeschrieben, wo er zuletzt in der Biegenstraße 19 wohnte. Sein jüngerer Bruder Markus, genannt Max (1914 bis 1965), war 1932 Schriftführer der Ortsgruppe Schrecksbach des sozialdemokratischen Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold.

Gerade drei Tage, nachdem die Märzwahlen zum Reichstag zugunsten der Hitler-Regierung ausgegangen waren, überfielen Nationalsozialisten aus dem Ort und der Umgebung Julius und Max Spier in ihrem Haus in Schrecksbach, nahmen sie mit sich und schlugen sie brutal zusammen. Max Spier musste in der Marburger Klinik operiert werden; er blieb danach stark sehbehindert.

1936 Flucht in die USA: Aus Jakob wird Jack

1936 glückte ihm und Jakob die Ausreise in die USA, nach New York. Die anderen Familienmitglieder kamen nach, als der Krieg zu Ende war: Die Schwester Bertha van Eek (geboren 1910), die Anfang 1935 als Erste hatte ausreisen können, in die Niederlande ging und dort im März 1942 einen Holländer heiratete (und sich damit der Deportation entzog), und die Mutter Sara (1883 bis 1971). Sie und ihr Mann Julius waren an Heiligabend 1936 von Schrecksbach nach Borken geflohen, am 8. November 1938, wenige Wochen vor ihrer Flucht in die Niederlande, wurde ihre Wohnung komplett verwüstet.

Jack Spier (wie er sich nun nannte) zog dann von New York weiter nach Westen, lebte lange als Arzt in Fargo (North Dakota), wo er 1977 auf dem Beth El Hebrew Congregation Cemetery begraben wurde. Eine spät geschlossene Ehe war kinderlos geblieben.

Übrigens liegen die näheren Umstände der Entstehung der Aufnahme bis heute im Dunkeln.

Erstmals veröffentlicht wurde sie von Günther Rehme und Konstantin Haase in ihrem Pionierwerk zur Geschichte der Juden in Marburg und Umgebung: "... mit Rumpf und Stumpf ausrotten ..." Drohungen und rücksichtsloser Gewalt waren jüdische Deutsche schon Anfang 1933 auch in Ziegenhain, Oberaula, Großropperhausen, Merzhausen, Willingshausen ausgesetzt. In Schrecksbach ist der Überfall auf die Spiers heute weitgehend aus dem historischen Bewusstsein verdrängt.

von Klaus-Peter Friedrich, Mitglied der Marburger Geschichtswerkstatt

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