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Geprägt von Ausbeutung, Unterdrückung und Rassismus

Stadtschriften beleuchten Zwangsarbeit in Marburg

Artikel aus der "Marburger Neuen Zeitung", vom 02.04.2005

Marburg. (wgn). Nach fünf Jahren intensiver Beschäftigung mit dem Thema Zwangsarbeit in der Stadt Marburg in den Jahren 1939 bis 1945 fand das Projekt mit der Fertigstellung eines umfangreichen Buches einen Abschluss, der hoffentlich kein "Schluss-Strich" sein wird.


Ein Großteil der Autorinnen und Autoren des Buches über die Zwangsarbeit in Marburg (v.l.): Thomas Werther, Barbara Wagner, Albrecht Kirschner, Lydia Hartleben, Wolfgang Form, Karin Brandes, Theo Schiller, Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Löwer, Dirk Richhardt, Stadtarchivar Ulrich Hussong. (Foto: Stadt Marburg)

Trotz mancher Auseinandersetzungen in der Sache sei der Entschluss, diesen Teil der Marburger Geschichte aufzuarbeiten, stets von allen Fraktionen im Marburger Stadtparlament getragen worden, betonte Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Löwer (SPD) den Konsens in dieser Sache.

Der scheidende Oberbürgermeister Dietrich Möller (CDU) konnte vor diesem Hintergrund Löwer ganz entspannt als den Vater und die Stadtverordnete Eva Gottschaldt (PDS), als die Mutter des Projekts benennen. Das Thema war von der PDS zuerst ins Parlament getragen worden, Löwer hat es mit viel Engagement begleitet und vorangetrieben.

"Geschichte, Entschädigung, Begewgnung", so lautet der Untertitel des über 500 Seiten starken Werkes. Es ist die Gemeinschaftsarbeit von elf Autorinnen und Autoren. Die Redaktion oblag Karin Brandes - im Rahmen eines Zeitvertrages bei der Stadt Marburg. Sie hat auch einen großen Teil der Beiträge geschrieben, eine Arbeit, die von allen beteiligten Autorinnen und Autoren ohne Honorar geleistet wurde. Das Buch spannt den Bogen von der Darstellung der nationalsozialistischen Zwangsarbeitspolitik bis hin zu den kürzlich stattgefundenen Begegnungen mit ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern aus der Ukraine. Die Begegnungswoche mit ehemaligen polnischen Betroffenen konnte nicht mehr berücksichtigt werden.

Besondere Eindringlichkeit gewinnt das Buch durch die Erinnerungen der Betroffenen, denen viel Raum geboten wurde. "Nirgendwo im Buch wird klarer, was Verschleppung, Hunger, Schläge, Erniedrigung und Arbeit, Arbeit und noch mal Arbeit hier in Marburg für diese Menschen bedeutet haben", fasste das der neue Vorsitzende der Marburger Geschichtswerkstatt, Thomas Werther, zusammen.

Die Geschichtswerkstatt hatte durch Wolfgang Form, Albrecht Kirschner und Thomas Werther die ersten Grundlagen für die Erforschung gelegt. Die Ergebnisse waren in einer Bürgerverswammlung im Jahr 2000 vorgestellt worden. Die Forderungen der Geschichtswerkstatt nach Entschädigung, Besuchsmöglichkeiten und wissenschaftlicher Aufarbeitung hätten sich erfüllt, konnte Werther feststellen, auch wenn er sich eine höhere Entschädigungssumme gewünscht hatte.

Je 2000 Euro sind an 177 Betroffenen ausgezahlt worden. Eine Summe, die keine Entschädigung im eigentlichen Sinne des Wortes, sondern allenfalls eine symbolische Geste sei, so betonten sowohl Löwer als auch Möller.

Das besondere am Marburger Verfahren ist, dass alle, die nachweislich in Marburg oder seinen Stadtteilen Zwangsarbeit leisten mussten, Geld bekommen haben. Darunter auch Kriegsgefangene und die sogenannten italienischen Militärinternierten.

Ein wesentlicher Auftrag der Geschichtswerkstatt sei durch das reich mit Fotos versehene Bucht erfüllt worden, so Werther: Den damals in Marburg erniedrigten und gedemütigten Menschen Gesicht und Würde wiederzugeben.

Das wurde durch die Lesung von vier Lebensberichten aus der Veröffentlichung durch Ekkehard Dennewitz vom Hessischen Landestheater zum Abschluss der Buchvorstellung nochmals besonders deutlich.

Zwangsarbeit in Marburg 1939 bis 1945, Geschichte, Entschädigung, Begegnung. Marburger Stadtschriften zur Geschichte und Kultur 80. Marburg 2005. Preis: 15,50 Euro. Aus technischen Gründen wird das Buch erst in einige Wochen beim Presseamt Marburg oder im Buchhandel erhältlich sein. Vorbestellungen sind möglich.

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