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Militärjustiz war Stütze der Nazis

Historische Kommission veröffentlicht Buch über Richter in Uniform

Artikel von "http://www.mittelhessen.de", vom 27.10.2010

Marburg (kse). "Was damals Recht war..." haben die Menschen vor einem Jahr im Marburger Rathaus sehen können, als dort eine Wanderausstellung dargestellt hat, wie die Wehrmachtsjustiz mit Soldaten und Zivilisten umgegangen ist. Nun hat die Historische Kommission für Hessen ein Buch herausgegeben, das die Inhalte der Ausstellung und die Vorträge, die damals gehalten wurden, zusammenfasst.

"Was damals Recht war ... vor Gerichten der Wehrmacht" hieß die Ausstellung in Marburg, die seinerzeit 2500 Menschen gesehen haben. Das Buch dazu, das die Historische Kommission nun als Band 74 ihrer Schriftenreihe veröffentlicht hat, trägt den Titel "Deserteure, Wehrkraftzersetzer und ihre Richter. Marburger Zwischenbilanz zur NS-Militärjustiz vor und nach 1945". Das Werk basiert vor allem auf Vorträgen einer vorbereitenden Tagung und auf lokalen, also auf Marburg bezogenen Ausstellungsbeiträgen der Marburger Geschichtswerkstatt.

Zum Jahrestag der Ausstellungseröffnung stellten Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD), Kommissionsvorsitzender Andreas Hedwig und der Herausgeber Albrecht Kirschner das Buch nun im Rathaus der Öffentlichkeit vor. Dass der Raum bei einer Buchvorstellung so gut gefüllt sei, zeige das große Interesse und dass es sich um ein besonderes Werk handele, sagte Vaupel.

Der Oberbürgermeister erinnerte daran, dass die Ausstellung im historischen Rathaus seinerzeit anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Marburger Geschichtswerkstatt in die Universitätsstadt geholt worden sei. Diese habe sich in den Jahren große Verdienste um die Aufarbeitung der Geschichte erworben. Die Stadt habe die Ausstellung und jetzt das Buch gerne finanziell und strukturell unterstützt, "denn die Stadt setzt Zeichen, auch für die Verfehlungen der Geschichte".

Hedwig verwies darauf, dass in der Vergangenheit vorwiegend die Opfer ins Zentrum der Forschung gestellt worden seien. Nun beschäftige man sich mehr mit den Tätern. Hier seien auch die Gerichte der Wehrmacht zu nennen, die den Nationalsozialisten in besonderem Maße und unter Hinnahme vieler Opfer den Rücken gestärkt hätten.

Kirschner berichtete, dass sich die Geschichtswerkstatt seit fast 20 Jahren mit der Militärjustiz beschäftigt. 1994 sei erstmals eine Veröffentlichung über das Marburger Kriegsgericht erschienen. Die Aktenlage sei mit 1500 Schriftstücken ungewöhnlich gut. Zwischen 1939 und 1945 seien wahrscheinlich 6000 Verfahren durchgeführt und mindestens 100 Todesurteile gefällt worden. Das Oberlandesgericht in Kassel habe im gleichen Zeitraum nur 15 Todesurteile verhängt. Dies zeige, wie grausam die Militärjustiz gewesen sei. 66 Prozent aller Verurteilten seien Deserteure gewesen. Ein Ziel der Geschichtswerkstatt sei es, diese zu rehabilitieren.

Militärgerichte verhängten in sechs Jahren mindestens 100 Todesurteile

Das neue Buch rückt auch Juristen in den Blickpunkt, die während des Krieges als Militärrichter tätig waren und anschließend als Richter oder in der Lehre der Universität weitergearbeitet haben. Enthalten ist zudem der Vortrag, den der ehemalige Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel anlässlich der Ausstellungseröffnung 2009 gehalten hat.

Der Band mit der ISBN 978-3-942225-10-6 kostet 24 Euro und ist im Buchhandel oder bei der Historischen Kommission im Staatsarchiv am Friedrichsplatz erhältlich.


Im Rathaus stellten (von links) Albrecht Kirschner, Oberbürgermeister Egon Vaupel und Andreas Hedwig am Montag den Band vor.
(Foto: H. Krause) | mittelhessen.de

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Dokument erstellt am 27.10.2010 um 15:33:06 Uhr

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