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An Stolpersteinen soll man hängen bleiben

Sieben weitere Messingplatten in der Marburger Innenstadt erinnern an sieben weitere Opfer des Nationalsozialismus

Artikel aus der "Oberhessischen Presse", vom 12.02.2009

Eigentlich stolpert man gar nicht, wenn man über die Stolpersteine läuft. Und doch heißen sie so. In Marburg sind gestern sieben neue verlegt worden.

von Katharina Kaufmann

Marburg. Fünf Stolpersteine - Steine gegen das Vergessen - setzte der Kölner Künstler und Ideengeber des Stolpersteine-Projekts in ganz Europa, Gunter Demnig, vor dem Haus Wettergasse 2 in die Erde, zwei in der Haspelstraße 17. Die zehn mal zehn Zentimeter großen Pflastersteine mit glänzender Messingplatte sollen an die Marburger Opfer des Holocaust erinnern.

5. Stolpersteinverlegung in Marburg durch Gunter Demnig
Der Künstler Gunter Demnig verlegte gestern in der Marburger Wettergasse fünf neue Stolpersteine, die an fünf Marburger Opfer des Nationalsozialismus erinnern sollen. Foto: Katharina Kaufmann

31 Stolpersteine liegen bereits in Marburg. Die ersten wurden auf Initiative des Arbeitskreises Stolpersteine der Geschichtswerkstatt Marburg im Jahr 2006 in die Erde gesetzt. In die Messingplatte des Steins sind Name, Geburtsjahr, Tag der Deportation und das Todesdatum eingraviert.

Die fünf Stolpersteine in der Wettergasse erinnern an die Familie Strauß. Koppel Bernhard Strauß stammte aus Amöneburg und hatte das Haus in der Wettergasse bereits im Jahr 1872 von der Apothekerfamilie Ruppersberg gekauft. Seit den 1920er Jahren wohnte dort einer seiner drei Söhne, Isaak Strauß, mit seiner Familie. Dessen Frau starb im Alter von 66 Jahren nach vor der Machtergreifung Hitlers, sodass der Witwer gemeinsam mit seiner Haushälterin Friederike Wertheim in einer Wohnung im zweiten Stock lebte. Tochter Thekla zog schließlich 1938 mit ihrem Mann Leopold und ihrer damals 13-jährigen Tochter Ruth zum Vater nach Marburg. Von dort wurden sie nach Riga beziehungsweise Theresienstadt deportiert und ermordet.

Als Ruth Marxheimer 1941 im Konzentrationslager Stutthof starb, war sie 16 Jahre alt. Das gleiche Alter haben auch Delia Rößer und Christin Hiller. Die beiden Zehntklässlerinnen der Richtsberg-Gesamtschule haben mit Klassenkameraden die Lebensläufe der sieben Opfer, für die gestern die Stolpersteine verlegt wurden, recherchiert. "Ich fand das Thema gut, denn man wird ja überall mit der Judenverfolgung und dem Nationalsozialismus konfrontiert. Jetzt konnte ich selbst etwas für die Opfer tun und ein Zeichen setzen", sagte Rößer, nachdem die Steine erfolgreich in das Pflaster eingebettet worden waren und die Schüler weiße Rosen darauf niedergelegt hatten.

Auch in der Haspelstraße vor dem Haus Nummer 17, in dem Fanny Lion und ihr Sohn Karl lebten, legten die Schüler weiße Rosen auf die frisch in den Gehsteig eingebetteten Stolpersteine. Zwar starb Fanny Lion noch bevor sie deportiert werden konnte - wäre sie allerdings am 6. September 1942 noch am Leben gewesen, wäre auch sie wie alle zu dieser Zeit in Marburg lebenden Juden unweigerlich nach Theresienstadt verschleppt worden. Ihr Sohn Karl starb 1941 nach seiner Deportation im Ghetto von Riga.

Finanziert werden die Stolpersteine allein durch Spenden. "Ein Stein kostet 95 Euro", erklärte Barbara Wagner vom Arbeitskreis Stolpersteine in Marburg. Sobald sie genug Spendengelder auf ihrem speziell dazu eingerichteten Konto hätten, würden neue Steine angefertigt werden. Rund 200 Opfer forderte der Nationalsozialismus in Marburg. "Das waren nicht alles nur Juden. Auch Regime-Kritiker oder politisch Andersdenkende wurden von den Nationalsozialisten ermordet", berichtete Wagner. Die Verlegung der Steine sei bisher immer in Kooperation mit einer Schule erfolgt. Die Schüler arbeiteten die Lebensgeschichte der Opfer auf und stellten sie in einem Flugblatt dar.

Und auch wenn man über die Stolpersteine eigentlich nicht stolpert, hängen bleiben soll man laut Wagner trotzdem.

Ein Video zur Verlegung der Stolpersteine gibt es im Internet unter www.op-marburg.de

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