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Militärhistorie der Stadt wird greifbar

Neue Stadtschrift arbeitet die Geschichte der Marburger Jäger auch für ein breiteres Publikum auf

Artikel aus der "Oberhessischen Presse", vom 30.01.2015

Bereits 2013 erschien eine Studie, die die Historie der Marburger Jäger aufarbeitete. Um die Ergebnisse auch einem nicht akademischen Publikum zugänglich zu machen, erscheint nun eine neue Stadtschrift.

von Peter Gassner

Marburg. 284 Seiten umfasst das Buch, in dem die Erkenntnisse der Forschungen für die Studie noch einmal neu überarbeitet und ergänzt wurden. Es beinhaltet unter anderem Berichte über die Geschichte der militärischen Einheit vor, während und nach den beiden Weltkriegen. In der Zeit nach 1945 steht besonders die umstrittene Traditionspflege der Kameradschaft im Blickpunkt. Schon seit einigen Jahren wird die Vergangenheit der Kameradschaft Marburger Jäger in der Stadt hitzig diskutiert. 2012 hatte das Parlament schließlich die Marburger Geschichtswerkstatt mit der Erstellung eines historischen Werks beauftragt - einstimmig, wie Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Löwer (SPD) betont. Damit sei ein Signal gesetzt worden, "dass dieses Thema sehr wichtig ist". Die Geschichte des Militärverbandes müsse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. "Es macht einen Unterschied, ob es eine Studie gibt, die vereinzelt in Bibliotheken liegt, oder ein Buch, das überall über den Handel erhältlich sein wird", meint auch Dr. Ulrich Hussong, Schriftleiter der Stadtschrift. Das Werk werde nun auch über die Grenzen Marburgs hinaus "die Diskussion und Forschung über die Marburger Jäger anregen".

Das Kriegerdenkmal der Marburger Jäger in Bortshausen ist seit langem Stein des Anstoßes (links). Eine neue Stadtschrift befasst sich mit der Geschichte der Kameradschaft.

Den Beginn der Bataillons-Geschichte beschreibt Albrecht Kirschner zunächst auf den ersten Seiten des Buches. In der Zeit zwischen 1866 und 1913 beteiligten sich die Marburger Jäger unter anderem an Einsätzen im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 sowie bei der Niederschlagung des Boxer-Aufstandes in China 1900/01 und des Herero-Aufstandes im heutigen Namibia 1904. Im Ersten Weltkrieg folgte das Massaker im belgischen Dinant 1914, an dem die Marburger Jäger unter sächsischem Kommando teilnahmen. 674 Menschen, darunter auch Frauen und Kinder, starben. Auch bei der Unterdrückung einer Arbeiterdemonstration im schlesischen Königshütte 1919 haben die Jäger nach den Erkenntnissen der Historiker mitgewirkt. Klaus-Peter Friedrich beschreibt zudem die Rolle der Jäger in der Weimarer Republik, in der sie zu den "starken antidemokratischen Kräften in Marburg schon vor 1933" zählten. "Die Weigerung, die Verbrechen von 1914 aufzuarbeiten, war ein Grund dafür, dass sie im Zweiten Weltkrieg wiederholt wurden", so Friedrich. Im Nationalsozialismus trat die Marburger SA-Abteilung als "SA-Standarte Marburger Jäger" auf. Die Zeit nach 1945, in der neue Vereine in der Traditionspflege aktiv wurden und somit den Alltag der Marburger jahrzehntelang mitprägten, beschreiben im hinteren Teil des Buches Katharina Nickel und Corinna Lützoff von der Zeitgeschichtlichen Dokumentationsstelle Marburg (ZDM). Thomas Werther von der Geschichtswerkstatt geht darauf zudem in einem Nachwort ein. "Mitte der 1980er-Jahre haben wir angefangen uns zu fragen, was das eigentlich für ein komischer Verein ist", sagt Werther. Zu dieser Zeit hätten noch regelmäßig Kriegsgedenkfeiern im Schülerpark und Besuche am Grab Paul von Hindenburgs in der Elisabethkirche stattgefunden. Dass dies heute nicht mehr der Fall sei, zeige, "dass die Aufarbeitung in der Stadt etwas bringt". "Lokalgeschichte zu verdrängen, kann sich rächen", meint auch Friedrich. Dies könne man beispielsweise am Rechtsextremismus in Dresden erkennen. "Wir wollen ein Zeichen setzen, das zeigt: Aufarbeitung und Versöhnung gehören zu Marburg", ergänzt Sabine Preisler, Pressesprecherin der Stadt. Aus diesem Grund sei "auch die Preisgestaltung so gewählt, dass die Geschichte der Marburger Jäger einer möglichst breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird".

Die Stadtschrift zur Geschichte der Marburger Jäger ist zunächst in einer Auflage von 500 Exemplaren erschienen und ab sofort beim Fachdienst Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Rathaus sowie bei Marburg Tourismus & Marketing (MTM) zum Preis von 14,40 Euro erhältlich. Auch online kann sie unter www.marburg.de bestellt werden.

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