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Stolpersteine - Steine gegen das Vergessen

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Die Opfer der NS-Aktion "Arbeitsscheu Reich" und
Probleme der Erinnerung


Das Foto links zeigt das im Jahr 1811 eingerichtete Arbeitshaus
Mainzer Gasse 31 (heute Nummer 32-34) vor der Sanierung. Zuletzt diente
es als Obdachlosenasyl. 1977 gelangte das Haus in Privatbesitz.
Quelle: Herbert Kolling, "Theils für Arme, theils für Arbeitscheue und liederliche Menschen ..." (2008)

Zwischen 1933 und 1945 verfolgten die Nazis eine große Anzahl an Menschen aus den verschiedensten Gruppen der Gesellschaft. Sie alle hatten Furchtbares zu durchleiden. An viele Opfergruppen des NS-Terrors wird heute wieder erinnert, so auch durch die Stolpersteine. Eine Gruppe Verfolgter, die jedoch nicht allzu häufig im Blickpunkt steht, ist die derjenigen, die der Aktion "Arbeitsscheu Reich" zum Opfer fielen. Allein im Gebiet der Kriminalpolizeistelle Kassel, die weite Teile Hessen-Nassaus umfasste, wurden im Rahmen der Aktion zwischen dem 13. und dem 18. Juni 1938 mehr als 180 Personen verhaftet und in Konzentrationsoder Arbeitslager gebracht. Als Verhaftungsgrund wurde schlicht "asozial" angeführt. So wurde von den Nazis jeder bezeichnet, der "ohne Arbeit von Ort zu Ort zog", vom Betteln lebte oder durch ein "rüpelhaftes" Benehmen gezeigt hatte, dass er sich "nicht in die Ordnung der Volksgemeinschaft einfügen lassen wolle".

An Wohnungslose beziehungsweise Umherziehende mit einem Stolperstein zu erinnern, gestaltet sich schwierig. Denn auch wenn ihre Daten genau wie die der anderen Opfer von verschiedenen Stellen aufge-nommen wurden und uns heute bekannt sind, so steht doch die Lebensweise dieser Personengruppe einer ortsgebundenen Erinnerungsstätte entgegen. Für die Wenigsten lässt sich etwa der letzte frei gewählte Wohnsitz oder ein längeres Verweilen an einem Ort aus den Quellen nachweisen. Individuelle Orte der Erinnerung sind also nur schwer zu finden, weshalb nach Alternativen gesucht werden muss.

So bieten sich beispielsweise ehemalige Obdachlosenheime oder Arbeitshäuser an. Letztere Einrichtung existierte auch in Marburg, jedoch sind die Belegungslisten nicht erhalten geblieben. Doch auch wenn nicht sicher gesagt werden kann, dass alle erwähnten Personen wirklich dort gewesen sind, so wäre den Opfern der Aktion "Arbeitsscheu Reich" aus dem Raum Marburg damit zumindest ein Ort gegeben, der stellvertretend für ihre Lebensweise steht und geeignet ist die Nachwelt auf ihr Schicksal aufmerksam machen kann.
Text: Jan Prößdorf

Es konnte bei der Aktenrecherche nicht nachgewiesen werden, dass sich zum Beispiel Andreas Dollmanski, der im KZ Buchenwald ermordet wurde oder Karl Funk, der im KZ Mauthausen-Gusen ermordet wurde, in Marburg aufgehalten hätten. Beide waren als Wohnsitzlose im Juni 1938 in "polizeiliche Vorbeugungshaft" im Landkreis Marburg verhaftet worden und in das Polizei-Gefängnis Kassel überstellt und dann in das KZ Buchenwald gebracht worden.

Wer weitergehende Informationen zu dieser Opfergruppe hat, melde sich bitte bei uns:
geschichtswerkstatt-marburg@web.de

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