Geschichtswerkstatt Marburg e.V.    Forschung für Regional- und Alltagsgeschichte

Themen
Startseite Über uns Termine Projekte Presse Kontakt

 

Stolpersteine - Steine gegen das Vergessen

zur Übersichtsseite

Dr. med. Benno Benedict


Für Benno Benedict.


Das Haus Bahnhofstraße 19 im Jahre 2013. Foto: Wagner

Der Stein wurden verlegt am 24.09.2013.

HIER WOHNTE
DR. BENNO BENEDICT
JG. 1861
THERESIENSTADT
ERMORDET 2.10.1942

Familiengeschichte Familie Benedict in Berlin

Benno Benedict wurde am 9. Dezember 1861 im Zentrum Berlins geboren. Seine Eltern sind der Textil-Kaufmann Gabriel Benedict, geboren am 9. März 1824 wahrscheinlich in Braunfels und Lisette geb. Levinstein (auch Löwenstein), geboren am 25. November 1828 in Landsberg/Warthe. Das Paar hatte fünf weitere Kinder: Wilhelm, Martin, Leonard, Kurt [?] und Johanna Benedict.

Gabriel Benedict war zunächst Kleiderhändler am Mühlendamm 11, 1865 wurde das Geschäft in die Leipziger Straße verlegt. Die Straßenzüge befinden sich im Bezirk Berlin-Mitte. Unter dem Namen "G. Benedict" wurden Livreen, Herren- und Kindergarderobe angeboten, später wurde das Sortiment durch Jagd-kleidung, Reise-, Wagen-, Pferdedecken, Regenmäntel, schwedische Lederjoppen und ähnliches erweitert. Neben Gabriel Benedict wurde sein Sohn Martin Mitinhaber. 1895 nannte sich die Firma "G. Benedict Hoflieferant".

1915 waren Conrad Friedrichsdorff, Wilhelm Schwab und Carl Rieß Inhaber der Firma "G. Benedict", die sich inzwischen in der Königgrätzer Straße befand. Der Straßenname wurde mehrmals geändert: in Budapester Straße, Friedrich-Ebert-Straße und schließlich 1935-1945 in Hermann-Göring-Straße.

Gabriel Benedict, seine Frau Lisette und ihre Tochter Johanna Benedict lebten seit Ende der 1890er Jahre, wohl seit dem Rückzug aus der Firma, in der Maaßenstraße 35 in Berlin. Diese wurde 1934 nach dem preußischen General Karl von Einem in Einemstraße umbenannt.

Sohn Martin Benedict lebte nach dem Verkauf des Geschäfts als "Rentier" in Charlottenburg. Bruder Wilhelm Benedict war Rechtsanwalt und Justizrat geworden. Tochter Johanna blieb ledig und wohnte bei ihren Eltern. Sohn Leopold Benedict arbeitete eigenständig als Kaufmann in Berlin Schöneberg. Ob es sich bei dem Kunsthistoriker Dr. Kurt Benedict ebenfalls um einen Sohn von Gabriel und Lisette Benedict handelt, kann nur vermutet werden. Er wohnte zeitweise bei Martin Benedict in Charlottenburg in der Berliner Straße 3.

1920 lebte Dr. Benno Benedict bei seinem Bruder Martin in Charlottenburg. Auch Wilhelm und Johanna Benedict werden noch genannt. 1930 steht die Witwe von Martin Benedict, Ella Benedict, im Adressbuch.

Im Laufe der 1930er Jahre verliert sich die Spur dieser Mitglieder der Familie Benedict. 1935 wird nur noch Dr. Benno Benedict als Verwalter in der Einemstraße 22 (früher Maaßenstraße 35?) genannt.

 

Lebenslauf Benno Benedict

Benno Benedict besuchte ab dem siebten Lebensjahr zweieinhalb Jahre die Knabenschule des Dr. Wohlthat, danach rund zwei Jahre das Köllnische Gymnasium, schließlich bis zum 18. Lebensjahr das Friedrich-Werdersche Gymnasium. Die renommierten Schulen befanden sich im Zentrum der Stadt nahe der Wohnung Benno Benedicts.

Aus gesundheitlichen Gründen, unter anderem wird Stottern genannt, wechselte er auf das Gymnasium Arnoldinum in Burgsteinfurt im Emsland, wo er 1882 Abitur machte. Rudolf Emil Denhardt hatte dort 1876 eine "Stotterheilanstalt" eingerichtet. Er war Arzt und bemühte sich um eine psychotherapeutischen Behandlungsmethode des Stotterns. Dort war Benedict während der Schulzeit in Behandlung.

Nach Berlin zurückgekehrt, begann er ein Chemie-Studium und wechselte nach zwei Semestern zur Humanmedizin. 1886 machte er das Physicum, die ärztliche Vorprüfung. Vom 17. April 1887 bis Ostern 1888 setzte er als cand. med. sein Studium in Erlangen fort und wohnte am Bohlenplatz 4 bei der Gastwirtswitwe Marie Hertlein. Weitere Adressen waren bis zu seinem Examen die Kasernenstraße 30 und 36.


Handgeschriebener Lebenslauf Benno Benedicts vom 3. Juni 1882 aus der Approbationsakte UAE C3/6 Nr. 3746, Universität Erlangen.

Nach nur einem Sommersemester in Würzburg kehrte er nach Erlangen zurück, macht Staatsexamen, promovierte mit dem Datum des Rigorosums vom 29.11.1889. Der Titel seiner Arbeit lautet: "Zwei Fälle von Sarkom des Thorax". Am 15.12.1889 erhielt er die Approbation als Arzt.

Danach verlieren sich seine Spuren. Über seine Tätigkeit als Arzt, wo er gearbeitet hat, über sein privates Leben ist nichts bekannt. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass er nicht verheiratet war und keine Kinder hatte.

Anlässlich des Todes seines Vaters 1900 wird er auf der Hinterbliebenenliste als auswärts von Berlin lebend genannt. 1910, beim Tode der Mutter, lebt er, möglicherweise nur besuchsweise, bei ihr in Berlin.

1921, kurz vor seinem 60. Geburtstag, trat er aus der Jüdischen Glaubens-gemeinschaft aus. Das hatten zuvor schon seine Brüder getan, Martin Benedict noch vor dem Tod des Vaters, Wilhelm Benedict erst nach dessen Tod.

Benno Benedicts Geschwister scheinen ebenfalls ohne Nachkommen verstorben zu sein. Denn das gesetzliche Erbrecht des Staates bei erbenlosen Vermögen war nach Kriegsende von der Jewish Restitution Successor Organisation übernommen worden. Die Organisation suchte zu verhindern, dass Vermögen der NS-Opfer an den Staat fielen, der Auftraggeber des Mordes an Millionen Jüdinnen und Juden gewesen war. Die gemeinnützigen jüdischen Organisationen, die diese Aufgabe übernommen hatten, gaben die Vermögen an bedürftige Opfer der NS-Zeit weiter.

Das Haus Einemstraße 22 in Berlin hatte Benedict zu einem Sechstel gehörte, fünf Sechstel der Witwe Agnes Kallmann geb. Leo. Das Haus war 1938 durch die Ehefrau des Rechtsanwaltes der Preußischen Bergwerks- und Hütten AG (Preußag), Hildegard Scheuermann, angekauft worden. Das Werk hatte im Nachbarhaus seine Büroräume. Der Kauf war natürlich unter den gegebenen Umständen besonders günstig. Im Bombenhagel auf Berlin wurde der Gebäudekomplex jedoch vollständig zerstört. Der Streit um noch ausstehende Zahlungen nach 1945 nahm die bekannt unwürdigen Formen an. Die Vertreter der Preußischen Bergwerks- und Hütten AG ließen Anfang der 1950er Jahre keine Peinlichkeit aus: Der jüdischen Organisation unterstellen sie Gewinnspekulation, das zum günstigen Preis gekaufte Haus wird als "Haus mit übergroßen Wohnungen, völlig veralteter Heizung, nötigen Reparaturen an Dach und Fahrstuhl" beschrieben. Das sei letztlich der Grund gewesen, so die zynische Schlussfolgerung, warum die Familie Kallmann das Haus so dringend veräußert haben wollte, da sie nicht in der Lage gewesen wäre die nötigen Finanzen für die Renovierung aufzubringen. Man genierte sich nicht, als Zeugen den Ehemann der Käuferin zu nennen.

Über Dr. Benno Benedict äußern sich die Vertreter der Bergwerks- und Hüttengesellschaft 1954: "Wie die Vermögenslage des Rückerstattungs-berechtigten heute sein würde, ist nicht feststellbar, da Dr. Benedict verstorben ist." Dieses Haus hatte Dr. Benno Benedict vermutlich als seinen Alterssitz gedacht. Ob es sich bei diesem Haus um das lange von seinen Eltern bewohnte Haus mit der damaligen Adresse Maaßenstraße 35 handelte, konnte noch nicht geklärt werden.

1920 war Dr. Benno Benedict bei seinem Bruder Martin in Charlottenburg gemeldet, 1928 bis 1937 pendelte er zwischen München, Billafingen, Marburg, Bunsenstraße 6 und Berlin. Diese häufigen Ortswechsel waren sicher auch den zunehmenden Repressalien gegen die Juden geschuldet. Denn auch wenn er sich selbst nicht zur Jüdischen Gemeinschaft zugehörig fühlte, galt er nach der nationalsozialistischen Rassenlehre als zu verfolgen, zu vertreiben, zu ermorden.

Ab 1937 wohnte der inzwischen fast 76 Jahre alte Dr. Benno Benedict, "Arzt im Ruhestand", in einer Altenwohnung in der Einrichtung des "Hauses der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul in Fulda" in der Bahnhofstraße 19 in Marburg. Das Haus ist heute noch in ihrem Besitz. Ob er durch seinen Beruf mit den katholischen Schwestern in Kontakt gekommen ist, ist nicht bekannt. Von diesem Haus aus wurde Dr. Benno Benedict am 6. September 1942 nach Theresienstadt deportiert. In Kassel wurden noch seine letzten Wertobjekte konfisziert: eine Armbanduhr, Wert drei RM, und eine Feuerbestattungsversicherungspolice, Wert 73,40 RM.

Die Todesfallanzeige aus dem Ghetto Theresienstadt besagt, dass er am 2. Oktober 1942 verstorben ist. In der Spalte Beruf stand ursprünglich "ohne". Das wurde gestrichen und mit "gew. [gewesener] Arzt (Dr. med)" ausgefüllt. Seine Kennkarte wurde in Marburg ausgestellt. Der Antrag konnte noch nicht gefunden werden, so dass es bisher kein Foto von Dr. Benno Benedict gibt. Als Todesursache wird "Thrombosis Arteriae Coronariae" angegeben: Eine Herzthrombose nach vier Wochen Aufenthalt unter unmenschlichsten Lebensbedingungen: Ein bewusst herbeigeführter Tod eines 81-Jährigen. Wir nennen es Mord.

Startseite   |   Impressum   |   nach oben
© Geschichtswerkstatt Marburg 2017