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Stolpersteine - Steine gegen das Vergessen

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Familie Simon


Für Wilhelm Simon, Nanny Simon geb. Seif, Hanna Simon, Sulamith Simon und Ismar Simon. (Foto: Wagner, 2018)


Das Haus Wörthstraße 20, heute Liebigstraße 20 (Foto: Wagner, 2018).

Die Steine wurden verlegt am 18.10.2018.

HIER WOHNTE
WILHELM SIMON
JG. 1889
DEPORTIERT 1941
RIGA
ERMORDET

HIER WOHNTE
NANNY SIMON
GEB. SEIF
JG. 1895
DEPORTIERT 1941
RIGA
ERMORDET

HIER WOHNTE
HANNA SIMON
JG. 1921
DEPORTIERT 1941
RIGA
ERMORDET

HIER WOHNTE
SULAMITH SIMON
JG. 1924
DEPORTIERT 1941
RIGA
ERMORDET

HIER WOHNTE
ISMAR SIMON
JG. 1927
DEPORTIERT 1941
RIGA
1944 STUTTHOF ERMORDET MÄRZ 1945

 


Ausschnitt Sterbebuch Standesamt Marburg Nr. 390/1925: "[...] erschien heute der Lehrer und Gemeindesekretär Wilhelm Simon, wohnhaft in Marburg, Wörthstraße 20, und zeigte an, daß der Viehhändler Jakob Katz, [...] verstorben sei."
Zweitbuch unter https://www.lagis-hessen.de, Hessische Geburten-, Ehe-, Sterberegister, Stand 2018

Wilhelm Simon wurde am 3. April 1889 in Rucken, nahe Tilsit, Ostpreußen (heute litauisch Rukai) geboren. Seine Eltern sind David Simon und Dorothea Golding. Der Vater stammte aus Labiau, das heute Polessk heißt. Wilhelm Simon hatte nachweisbar drei Brüder und eine Schwester: Moritz (*1900), Selma (*1901), Louis (*1903) und Bruno Simon (*1898). Sie alle wurden in Ostpreußen, nahe Tilsit geboren.

Dieser Familienzweig lebte in den 1930er Jahren in Berlin. Von dort wurden der Vater David Simon und die Kinder Selma verheiratete Manasse und Moritz und Louis Simon deportiert und ermordet. Einzig Bruno Simon überlebte. Er war in die USA geflüchtet und gedachte im Jahr 1990 mit Gedenkblättern der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem an seine Familie.

Wilhelm Simons Ehefrau ist Nanny geborene Seif, die am 16. Juni 1895 in Schwersenz in der Nähe von Posen (heute Swarzedz) geboren wurde. Das Paar lebte in Wormditt, heute Orneta in Polen. Auch Teile der Familie Seif waren wie ein Teil der Familie Simon nach Berlin gezogen.

Die älteren Kinder des Ehepaares Wilhelm und Nanny Simon, die Töchter Hanna Simon und Sulamith Simon wurden in Wormditt (Orneta), Ermland-Masuren, früher Ostpreußen, heute Polen am 1. April 1921 und am 14. März 1924 geboren.

Wilhelm Simon war dort möglicherweise bei der jüdischen Gemeinde angestellt. Die ehemals große jüdische Gemeinde in Wormditt war im Jahr 1925 auf rund 50 Personen geschrumpft. 1890 hatte sie noch 157 Personen umfasst. 1925 kam die Familie nach Marburg und zog in die damalige Wörthstraße 20, heute Liebigstraße 20. Wilhelm Simon hatte eine Stelle bei der Marburger Jüdischen Gemeinde angenommen. Sohn Ismar Simon wurde am 21. April 1927 in Marburg geboren.

Wilhelm Simon war Lehrer, Kantor - Vorbeter - in der Synagoge und gleichzeitig bei der Jüdischen Gemeinde als "Gemeindesekretär" angestellt. Zu seinen Aufgaben zählte es, die Todesfälle von Juden vor Ort beim Standesamt anzuzeigen und möglicherweise auch alle weiteren Aufgaben im Rahmen der jüdischen Beisetzung und den dazugehörenden Traditionen zu übernehmen. Die erste Anzeige machte er im September 1925, den Sterbefall des Viehhändlers Jakob Katz. Als Lehrer war Simon in dem "Israelitische Heilerziehungsheim" in der Schulstraße in Marburg tätig.

Das "Heilerziehungsheim" in der Schulstraße 7 (heute abgerissen) wurde am 1. Oktober 1928 eröffnet, nachdem 1927 das im gleichen Gebäude befindliche Israelitische Schüler- und Lehrlingsheim geschlossen worden war. Am 20. Januar 1929 fand die Einweihung des umgebauten mehrstöckigen Hauses statt. Das Heim war für jüdische Jungen im schulpflichtigen Alter bestimmt, die man für "schwererziehbar" hielt. Es wurden aber auch Jungen aufgenommen, deren Erziehung durch ihr häusliches Milieu gefährdet schien.

Die Lehrpläne dieser Einrichtung entsprachen denen der normalen Volksschule und bis zum Machtantritt der Nationalsozialisten stand man in engem Kontakt zu nichtjüdischen Personen und Institutionen, wie zum Beispiel Universitätsprofessoren, Wohlfahrtsorganisationen oder Psychiatern. Mit der Einstellung des Schulbetriebs wurde auch das Israelitische Heilerziehungsheim 1939 geschlossen.

(Quelle zum Heilerziehungsheim: Archivschule Marburg, zusammengestellt von Sabine Dietzsch)

Das nicht mehr vorhandene Gebäude des "Heilerziehungsheims" in der Schulstraße.

Schüler und zwei Lehrer im "Heilerziehungsheim".

Die beiden Simon-Mädchen gingen auf die jüdische Elementarschule zu Lehrer Salomon Pfifferling. Die Schule war ursprünglich im heutigen Mehrgenerationenhaus am Pfarrhof in Marburg.

Lehrer Pfifferling mit seinen Schulkindern. Das Mädchen mit der hellen Kittelschürze (siehe vergrößerter Ausschnitt) soll Hanna Simon im Alter von 5 oder 6 Jahren sein.

Lehrer Pfifferling mit seinen Schulkindern. Dabei sind die drei Kinder Simon.

In einem Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. November 1936 mit dem Titel "Einführung des neuen Rabbiners. Marburg, 6. November (1936)" wird Lehrer Simon erwähnt: "Am Abend gab es eine wohl gelungene Feier in den Sälen des Israelitischen Heilerziehungsheims der gesamten Gemeinde und Gästen Gelegenheit, mit dem Herrn Provinzialrabbiner und seiner Gattin gemütlich beisammen zu sein. Nach der Begrüßung der Anwesenden durch den stellvertretenden Vorsitzenden des Israelitischen Vorsteheramts, Herrn Sally Haas, widmete Herr J. Rothschild dem Rabbinerehepaare herzliche Worte. In netten Versen begrüßte sie der Gemeindeälteste Kugelmann namens der Gemeinde. Herr Pfifferling sprach im Namen der Lehrer. Frau Lotte Bachrach begrüßte Frau Rabbiner Peritz namens des Israelitischen Frauenvereins, der sich auf ihre Mitarbeit freue. Herr Bezirksrabbiner Dr. Laupheimer, Bad Ems - Limburg, entbot freundliche Worte Herrn Rabbiner Dr. Cohn, um dann namens des Nachbarrabbinats den neuen Kollegen zu begrüßen. Herr Lehrer Stern, Frankenberg, dankte Frau Rabbiner Dr. Cohn für ihre häufigen Besuche der auswärtigen Kranken in den Kliniken, die bei diesen stets dankbare Freude ausgelöst haben und stellte gern fest, dass aus dem, was man heute aus dem Munde des neuen Provinzialrabbiner gehört habe, diesen das gleich gute Herz auszeichne. Es sprachen noch Frau Cilli Bachrach und Herr Samuel Bachrach, während die Herren Lehrer Simon und Hirschkorn die Anwesenden durch Gesangsvorträge erfreuten. Unter großem Beifall erwiderte Frau Rabbiner Peritz auf die Begrüßungsworte von Frau Lotte Bachrach."

Die Lebens-, Arbeits- und Ausbildungsbedingungen wurden für die Juden nach 1933 immer schwieriger. Zum 24. September 1935 zog die Familie Simon in das Schüler- und Lehrlingswohnheim in die Schwanallee 15 (abgerissen, heute Wohnhaus). Die Familie wohnte bei Familie Katz'. Das Haus gehörte der Jüdischen Gemeinde. Ein Umzug wird daher auch der immer schwieriger werdenden finanziellen Situation der Juden geschuldet gewesen sein.

Ausschnitt Sterbebuch Standesamt Marburg Nr. 516/1941, Zweitbuch unter https://www.lagis-hessen.de, Hessische Geburten-, Ehe-, Sterberegister, Stand 2018: Wilhelm Simon - hier mit dem Zwangsnamen "Israel" versehen, zeigte den Tod der Fanny Lion am 12. Juli 1941 an. Zu dieser Zeit lebte er mit Familie bereits im so genannten Ghettohaus Schwanallee 15. Zusammen mit dem Sohn von Fanny Lion wurde er Ende 1941 deportiert.

Im Prozess gegen die Brandstifter der Marburger Synagoge im Jahr 1946 sagte ein unbeteiligter Zeuge, ein Schuhmachergeselle, aus, "dass ein Lehrer Simon (Jude) welcher die Synagoge noch einmal betreten wollte, am Eintreten gehindert und misshandelt wurde." Dieses Ereignis fand in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 statt.

(Strafsache 2 KLs 42/47, Schriften der Geschichtswerkstatt Nr. 3, 1988, Seite 13 mit Anmerkung 55)

An die übliche Ausbildung oder an gewöhnliche Arbeitsverhältnisse der Kinder Simon war auf Grund der NS-Gesetze nicht mehr zu denken. Hanna Simon war ab 7. Oktober 1940 in Frankfurt am Main und vom 5. März 1941 bis 29. Mai 1941 im Heim Isenburg, in Bad Isenburg, das vom Jüdischen Frauenbund betrieben wurde.

(Digitales Gedenkbuch für das Heim des jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg, 1907-1942; http://gedenkbuch.neu-isenburg.de, Stand 2018)

Die Schwester Sulamith Simon war vom 3. Juni 1938 bis 12. Dezember 1938 in Bad Nauheim, möglicherweise in der dortigen jüdischen Bezirksschule. Auch Ismar Simon war ab 4. November 1940 kurzzeitig in Frankfurt am Main gemeldet.

Die Familie Simon gehörte zu den ersten Juden, die am 8. Dezember 1941 aus Marburg deportiert wurden. Ziel war das Ghetto Riga. Das Schicksal des Ehepaares Simon und seiner zwei Töchter ist nicht im Detail geklärt. Alle wurden jedoch ermordet. Der Sohn Ismar Simon wurde zur Zwangsarbeit herangezogen. Ismar Simon war am 9. August 1944 im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig, wo er im März 1945 kurz vor seinem 18. Geburtstag ermordet wurde.

Sein Onkel Bruno Simon, der flüchten konnte, gedachte mit einem Gedenkblatt bei der Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem, an seinen Neffen.

 

Die Patenschaft für die Stolpersteine, die an die Familie Simon erinnern, hat die Stadt Marburg im Namen des ehemaligen Oberbürgermeisters Egon Vaupel übernommen.

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