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Veranstaltungen 2007

Deportation vom 6. September 1942 - Jährliches Gedenken auf dem Marburger Hauptbahnhof

Der sechste September als Tag des Gedenkens an die Judendeportationen vom Marburger Hauptbahnhof aus ist seit 2002 im öffentlichen Bewusstsein fest verankert.

Historischer Hintergrund ist die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in der Stadt Marburg und im Landkreis unter dem nationalsozialistischen Regime in den Jahren 1933 bis 1945. Die ideologisch und rassistisch begründete Judenverfolgung, die in der sogenannten "Endlösung der Judenfrage" mündete, hatte als letzte Konsequenz die Deportation und Ermordung der gesamten auch in Marburg und im Landkreis lebenden jüdischen Bevölkerung.

Die folgenden Daten markieren die Vorbereitungen zur Ermordung der Juden (zum Beispiel in dem Vernichtungslager Auschwitz) aus Marburg und dem Landkreis:

  1. Am 08.12.1941 wurden 84 Juden in das Ghetto Riga deportiert.
  2. Am 31.05.1942 wurden 35 Juden in das Ghetto Lublin deportiert.
  3. Am 06.09.1942 wurden 36 Juden in das Ghetto Theresienstadt deportiert.

Nur wenige Einzelne überlebten.

Die Idee, das Datum der letzten Deportation, den 6. September1942, zum Ausgangspunkt einer jährlich wiederkehrenden Gedenkveranstaltung auf dem Marburger Hauptbahnhof als Ort des Abtransportes zu machen, entstand in der Geschichtswerkstatt Marburg. Ein Zusammenwirken mit anderen Organisationen und öffentlichen Institutionen wird angestrebt. Die Jüdische Gemeinde in Marburg, die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, der Verein Landsynagoge Roth waren dazu bereit. Stadt und Landkreis Marburg wurden ebenfalls mit eingebunden.

Der ehemalige Oberbürgermeister Marburgs, Dietrich Möller (CDU) und sein Nachfolger Egon Vaupel (SPD) nahmen und nehmen regelmäßig an der Veranstaltung teil, ebenso der Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Löwer (SPD).

Seitens der Evangelischen Kirche in Marburg hat die verstorbene Dekanin Helga Bundesmann-Lotz das Projekt von Anfang an nachdrücklich befürwortet. Der nachfolgende Dekan Helmut Wöllenstein sprach ebenfalls bei den Gedenkveranstaltungen.

Das Gedenken auf dem Bahnhof wurde und wird jeweils durch einen anschließenden Vortrag erweitert. Die Vorträge haben nicht ausschließlich den Holocaust zum Thema, sondern es werden auch Geschichte, Tradition und Kultur der Juden in unserer Stadt und im Marburger Raum dargestellt.

Der Hauptaspekt des regelmäßigen Gedenkens zum 6. September auf dem Marburger Hauptbahnhof ist das Wachhalten der Erinnerung an die historischen Ereignisse. Aus der Trauer um die geschundenen und ermordeten Menschen kann sich das Bewusstsein für ein verantwortlicheres Handels jetzt und in der Zukunft entwickeln.

Die Deutsche Bahn zeigte sich in allen Jahren sehr kooperativ und genehmigte die Veranstaltungen.

Bei der Gedenkveranstaltung auf dem Bahnsteig werden die Namen der Deportierten verlesen, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Marburgs, Amnon Orbach, hat bei einigen Veranstaltungen das jüdische Totengebet (Kaddisch) gesungen, Gedenkworte der Vertreter der beteiligter Organisationen und der Stadt Marburg und des Landkreises sind ebenfalls fester Bestandteil.

Ein kurzer Rückblick:

Veranstaltung 2002
Etwa 60 Menschen nahmen an dem Gedenken auf dem Bahnhof teil. Im Anschluss hielt Monica Kingreen, ausgewiesen durch Forschungen zum jüdischen Landleben und zur Verfolgung der Juden in Hessen während der NS-Zeit einen Vortrag über die Judendeportationen aus dem Regierungsbezirk Kassel.

Veranstaltung 2003
Rund 30 Menschen kamen zum Gedenken auf den Bahnhof. Die Namen der Deportierten wurden verlesen. Amnon Orbach von der Jüdischen Gemeinde Marburg sprach ein Gebet. Anschließend hielt Professor Karl Braun, Philipps-Universität Marburg, einen Vortrag über das Ghetto Theresienstadt im Jahr 1942.

Veranstaltung 2004
Zum Gedenken auf dem Bahnhof kamen rund 60 Teilnehmer. Angesichts der Störungen durch an- und abfahrende Züge und Lautsprecheransagen wies Helga Bernsdorff darauf hin, dass genau dies der damaligen Realität entsprochen habe: Während des "normalen" Bahnhofbetriebes wurden Juden abtransportiert. In dem anschließenden Vortrag berichtete Ulrich Schütt von der Marburger Geschichtswerkstatt über die "Arisierung" bzw. Liquidation jüdischer Geschäfte in Marburg bis 1938.

Veranstaltung 2005
Zum Gedenken auf dem Bahnhof kamen etwa zwei Dutzend Menschen. Amnon Orbach betete den Kaddisch, die Namen der Deportierten wurden verlesen. Es folgte ein Vortrag von Dr. Norbert Clement zu dem Thema "Der Manesse-Hof, ein jüdisches Anwesen in Ockershausen". Auf diesem Hof befand sich auch ein jüdisches Ritualbad, die sogenannte Mikwe.

Veranstaltung 2006
Dreißig Menschen gedachten in diesem Jahr der ermordeten Juden. Für den Vortrag konnten erstmals Referenten zur Geschichte der Juden im Landkreis gewonnen werden. Horst Wagner und Reiner Naumann berichteten über ihre Forschungen zur Geschichte der Oberaspher Juden, basierend auf der Publikation "Die Oberaspher Juden" von den Autoren Horst Wagner, Reiner Naumann und Mark Engelbach.

Veranstaltung 2007
Zum 65. Jahrestag der Deportation gedachten rund 60 Menschen auf dem Bahnhof an die Verschleppten und Ermordeten. Die Stadtverordnete Marlis Severin-Wollanek gab eine kurze historische Einordnung, Pfarrer Schulze-Wegner erinnerte an die sich aus dem Geschehen ergebende Verantwortung und Schülerinnen des Philippinums verlasen die Namen der aus Marburg Deportierten.
Der Vortrag von Pfarrer Dr. Gernot Schulze-Wegener, Rauschenberg, beschäftigte sich mit Franz Berthoud (1894-1977), der als Pfarrer an der Stadtkirche zu Rauschenberg tätig war. In Rauschenberg lebten vor dem Holocaust zahlreiche Juden. Berthoud besuchte 1934 einen sterbenden Juden in seiner Nachbarschaft. Dieser Vorgang, der im Pfarrarchiv als "Fall Plaut" dokumentiert ist, führte zu einem ernsten innerkirchlichen Konflikt zunächst mit dem Kirchenvorstand vor Ort und dann mit der landeskirchlichen Leitung in Kassel und macht deutlich, welche Auswirkungen die NS-Rassenideologie auf jeden Einzelnen hatte. Berthoud engagierte sich als Obmann der Bekennenden Kirche im Kirchenkreis Kirchhain.


Schülerinnen des Gymnasiums Philippinum lasen die Namen der am 6. September 1942 aus Marburg deportierten Juden


Auch in diesem Jahr gedachten zahlreiche Menschen auf dem Marburger Hauptbahnhof an die Deportation und Ermordeung der Juden aus Marburg und dem Landkreis.

Rede am 6.9.2007 von Pfarrer Dr. Gernot Schulze-Wegener, Rauschenberg,
anlässlich des Gedenkens der Verschleppung der letzten Juden 1942 aus Marburg

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich spreche im Namen der evangelischen Kirche in Marburg und im Landkreis und möchte mit Theodor Adorno beginnen, der in großer Eindringlichkeit und Klarheit benannt hat, worum es bei Gedenkstunden des Holocausts also auch heute Abend hier am Hauptbahnhof gehen kann und gehen muss:

"Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an die Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen vorn, dass ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen… Sie zu begründen hätte etwas Ungeheuerliches angesichts des Ungeheuerlichen, das sich zutrug. Dass man aber die Forderung, und was sie an Fragen aufwirft, so wenig sich bewusst macht,zeigt, dass das Ungeheuerliche nicht in die Menschen eingedrungen ist. Ist Symptom dessen, dass die Möglichkeit der Wiederholung, was den Bewusstseins- und Unbewusstseinszustand der Menschen anlangt, fortbesteht. Jede Debatte über Erziehungsideale ist nichtig und gleichgültig diesem einen gegenüber, dass Auschwitz sich nicht wiederhole. Es ist die Barbarei, gegen die alle Erziehung geht."

Soweit Adorno zu Beginn seines Essays über die "Erziehung nach Auschwitz", das genau vor 40 Jahren gedruckt wurde und nichts an Aktualität eingebüßt hat, wie die jüngsten Ausschreitungen gegen Ausländer in erschreckendem Masse zeigen. Wie es im übrigen auch die offensichtliche Unfähigkeit der politisch Verantwortlichen zeigt, mit solchen Vorgängen in angemessener Weise umzugehen.

Erziehung im Sinne Adornos bliebe dann keineswegs auf die nachwachsende Generation beschränkt,sondern ist als ein immerwährender gesamtgesellschaftlicher Diskurs und Lernprozess zu sehen. Man könnte es die permanente Einübung in Solidarität, Toleranz und Menschenrecht nennen, die Not tut und eingefordert werden muss, weil sie offenkundig alles andere als selbstverständlich ist. Gedenkstunden wie diese heute Abend leisten dazu einen unverzichtbaren Beitrag, weil sie an die historischen Ereignisse erinnern, die unzähligen Menschen das Leben gekostet haben und die die jeweiligen Zeugen und Überlebenden bis in die Grundfeste ihrer Existenz erschütterten, was übrigen auch für die Kinder und Enkel der Ermordeten gilt. Sehr viele sind auf Grund ihrer spezifischen familiären Biographie bis heute traumatisiert, wie jüngst erschienene psychologische Studien eindrücklich zeigen.

Historische Ereignisse: Das ist die unüberbietbare systematische Tötungsmaschinerie der NSDAP und der SS, das ist das unermessliche Leid, das Deutsche jüdischen Kindern, Frauen und Männern, aber auch Sinti und Roma, politischen Gegnern, Homosexuellen Widerstandskämpfern, Kriegsgefangenen und Menschen mit einer Behinderung angetan haben; das ist die staatlich sanktionierte Verfolgung, das sind Verschleppung, Verlust der Heimat und Zerstörung der kulturellen und religiösen Identität. Barbarei, wie Adorno sagt, ohne Parallele. Es ist auch das Wegsehen derer, die davon wussten, die mit jüdischen Menschen zusammen lebten, die die Geschäfte kannten, die Synagogen haben brennen sehen auch hier in Marburg, die natürlich zur Kenntnis genommen haben, dass Juden am Bahnhof zusammengeholt wurden und warum und die wegsahen. Das Wegsehen, das Sich-Ducken, das Schweigen, mehr noch das Zusehen, oft sogar das hämische Grinsen, weil der Raubmord am jüdischen Volk gesellschaftsfähig war.

Die historischen Ereignisse wach halten ist aber nur die eine Sache, die andere ist, der gequälten und verschleppten und Ermordeten zu gedenken. Erinnerung und Gedenken sind nicht identisch. Historische Betrachtung bleibt abstrakt, Zahlen und Fakten können Distanz schaffen, aber darum geht es nicht - auch heute Abend nicht. Es geht im Gegenteil um die Nähe zu den Betroffenen, um Empathie mit den Opfern der Gewalt, das Herankommenlassen des unfassbaren Schreckens, weil es uns - oder besser - bis es uns unmittelbar angeht, um einen Ausdruck des Theologen Paul Tillich zu verwenden. Und dies jenseits einer individuellen Schuld oder Unschuldsfrage, sondern im Sinne einer gesamtgesellschaftlichen historischen Verantwortung, die wir besitzen und auch als nachgeborene Deutsche immer besitzen werden.

Damit Auschwitz sich nicht wiederhole, lautet die Forderung, damit das "Nie Wieder" uns Deutsche dauerhaft erreicht und gesichert bleibt.

Denn das wird darüber entscheiden, ob wir eine freie, tolerante offene Gesellschaft bleiben oder nicht. Es wird entscheiden, welchen Weg die deutsch-jüdischen Beziehungen in Zukunft nehmen werden, und es wird darüber entscheiden, wie die Menschenrechte Freiheit, Menschlichkeit und Toleranz die Grundsubstanz unserer demokratischen, zivilisierten Gesellschaft bleiben werden.

Ich danke Ihnen dafür, dass Sie mir zugehört haben.

(Pfarrer Dr. Gernot Schulze-Wegener, Rauschenberg)

 

zum Artikel in der OP vom 07.09.2007

 

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