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Besuch ehemaliger ZwangsarbeiterInnen aus der Ukraine
im Juni 2003

Am Samstag, dem 21. Juni 2003, kamen nach fast sechs Jahrzehnten zehn Frauen und zwei Männer aus der Ukraine erneut nach Marburg. Im zweiten Weltkrieg hatten sie hier als Zwangsarbeiter schuften müssen.

Begrüßt wurden sie von Ulrich Schütt (links), dem Vorsitzenden der Marburger Geschichtswerkstatt. Seit Jahren bemühen sich die Mitglieder unseres Vereins darum, die Geschichte der Zwangsarbeit in Marburg publik zu machen, und für die Betroffenen eine späte Entschädigung zu erreichen.

Erreicht wurde, dass die Stadt Marburg allen, die in Marburg Zwangsarbeit leisten mussten, 2000 Euro zahlt. Weitere Entschädigungen leistet die Bundesstiftung "Erinnerung und Zukunft", die auch finanzielle Mittel für Besuchsprogramme wie diese bereitstellt. Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Löwer (Mitte) begrüßte ebenfalls die Gäste. Begleitet wurde die Gruppe von Jana Kaljushna (stehend rechts) von der ukrainischen Nationalstiftung "Verständigung und Aussöhnung".

Die Gäste wurden im Historischen Rathaussaal der Stadt Marburg offiziell von Oberbürgermeister Dietrich Möller (CDU) und Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Löwer (SPD) empfangen. Diese Ehrung wurde von den Frauen und Männen aus der Ukraine mit Genugtuung entgegengenommen. In der Stadt, in der sie Slawenarbeit geleistet hatten, als Gleiche unter Gleichen begrüßt zu werden - so drückte es Wlada Wasiliewa aus Lemberg aus - bedeutete den ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter viel.

Die 82-jährige Maryanna Zibulajewa sprach im Rathaussaal im Namen der Besucher. Durch die Zwangsarbeit in Deutschland hat sie ihren Mann verloren. Ihr Sohn, der sie auf ihrem Marburg-Besuch begleitete, wurde hier 1943 geboren. Die Bestätigung dieses Umstandes brachte ihr endlich den positiven Bescheid über das erlittene Unrecht. Denn vier Jahre hatte sie vergeblich versucht nachzuweisen, dass sie Zwangsarbeit in Deutschland geleistet hatte.

Die Besucherinnen und Besucher aus der Ukraine: trotz unterschiedlichster Lebenswege und Schicksale verbindet sie die Zeit in Marburg, in der sie ohne Rechte dem nationalsozialistischen Regime ausgeliefert waren. Zurück in der Ukraine wurden sie als "Verräter" diskriminiert. Bei ihrem Marburg-Besuch jetzt wurden sie von Kindern oder Enkelkindern begleitet.

Ein Gräberfeld auf dem Marburger Hauptfriedhof erinnert an die nachweislich 89 Menschen, die während der Zwangsarbeit oder Gefangenschaft im 2. Weltkrieg hier - zum Teil unter immer noch ungeklärten Umständen - gestorben sind. Krankheiten durch unzureichende Hygiene und Ernährung, zu harte Arbeit, inhumane medizinische Menschenversuche oder blanker Terror, das waren die Faktoren, die das Leben der Zwangsarbeiter bestimmten.

Mit einer Kranzniederlegung erinnerten die Besucher gemeinsam mit den Vertretern der Stadt, den Mitgleidern der Geschichtswerkstatt und Interessierten der Toten.
Auf dem Foto von links: Der Geistliche Dr. Christian Zippert, Oberbürgermeister Dietrich Möller, Pawlo Gurtowoj, der bei den Behringwerken arbeiten musste, Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Löwer und Mariya Postowalowa, die in den Rüstungswerken in Stadtallendorf und bei der Marburger Metallverarbeitungsfabrik Seidel eingesetzt worden war.

Die Lehrer und Schüler der Marburger Waldorfschule hatten sich spontan dazu bereit erklärt, einen kulturellen Abend für die Gäste zu gestalten. Mit Musik, Liedern und einem Theaterstück in den unterschiedlichsten Sprachen vorgetragen, gelang es ihnen, auch ohne russische Sprachkenntnisse Kontakt zu den Menschen aus der Ukraine aufzunehmen.

In das Besuchsprogramm eingebunden waren Schülerinnen und Schüler der Marburger Richtsberg-Gesamtschule, der Theodor-Heuss-Schule und der Carl-Strehl-Schule. Durch Befragung der Zeitzeugen (oral history - mündliche Geschichte) begaben sie sich auf Spurensuche. Für die Jugendlichen war es nicht immer ganz leicht, gedanklich die Brücke zur damaligen Zeit zu schlagen, die durch Rassenwahn und Terror bestimmt war. Vera Solomko (Foto ganz rechts) musste in der Wäscherei und der Küche der damaligen Landesheilanstalt in Marburg arbeiten. Als Lohn gab es fünf Mark im Monat. Als 17-jährige war sie mit ihrer Freundin nach Deutschland verschleppt worden. Mit dem Viehwaggon ging es ins "Reich", als Wache war ein ukrainischer Polizist abgestellt.

Besonders lebhaft erzählte die 90-jährige Lidija Popowa (Foto ganz rechts) ihre Lebensgeschichte den Schülern und Schülerinnen. Trotz ihres Alters hatte die ehemalige Sportlehrerin, die sogar bei den Olympischen Spielen in Berlin war, den weiten Weg aus der Ukraine nicht gescheut. Die Völkerverständigung und Aussöhnung zwischen den Ukrainern und Deutschen liegt ihr besonders am Herzen. Im Krieg arbeitete sie bei einem noch heute bestehenden Marburger Zahntechniklabor. Ihre kleine Tochter war auch bei ihr. Die Bedingungen im Lager, in dem sie schlafen mussten, waren denkbar schlecht. Die Betten waren voller Ungeziefer. Die Arbeit im Zahnlabor, die nicht entlohnt wurde, und oft bis nach 18 Uhr ging, die Versorung der kranken Tochter - die Zeit in Marburg war hart. Schicksalschläge musste sie zahlreiche bewältigen: In die Heimat zurückgekehrt musste sie feststellen, dass ihr Ehemann im Krieg umgekommen und ihr Haus zerstört war.

 

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