Geschichtswerkstatt Marburg e.V.    Forschung für Regional- und Alltagsgeschichte

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40-jähriges Jubiläum der Marburger Geschichtswerkstatt e.V.
Veranstaltung am 12. November 2024 im Historischen Rathaussaal Marburg

Zwangsarbeit in Marburg und die Begegnung mit ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern

Der Beitrag von Karin Brandes wurde verlesen:

 

Bereits die Vorstudie von Albrecht Kirschner, Thomas Werther und Wolfgang Form legte offen, dass Zwangsarbeit auch in Marburg zum Kriegsalltag gehörte, dass Unternehmen, Handwerks- und landwirtschaftliche Betriebe, staatliche, militärische und kirchliche Einrichtungen ebenso wie Privathaushalte in hohem Maße von der Ausbeutung ausländischer Arbeitskräfte, darunter hunderte Kriegsgefangene, profitiert hatten. Die Stadt Marburg erwirtschaftete als Vermittler und Verwalter von Zwangsarbeit enorme Gewinne.

Das Stadtparlament beauftragte Lydia Hartleben und Karin Brandes mit der vertieften Erforschung. Ihre Arbeit begleitete ein Beirat, der mit Personen aus der Stadtverwaltung, des Stadtparlaments, der Philipps-Universität und der Geschichtswerkstatt Marburg besetzt war.

Über Partnerorganisationen nahmen wir Kontakt mit ehemaligen Zwangsarbeiter:innen und mit Kriegsgefangenen auf. Wir erhielten bewegende Berichte vor allem aus Osteuropa, in denen Betroffene Deportation, Arbeitseinsatz und menschenunwürdige Lebensbedingungen schilderten.

Das Stadtparlament beschloss, die zu NS-Opfern Gewordenen mit 2.000 Euro symbolisch zu "entschädigen". Auf Betreiben der Geschichtswerkstatt wurden auch Kriegsgefangene in die Entschädigungsregelung einbezogen, was damals außergewöhnlich war.

Von besonderer Bedeutung waren jedoch drei Begegnungswochen mit Gästen aus der Ukraine, aus Polen sowie aus Russland und Lettland.

Planung, Organisation und Durchführung lag bei der Geschichtswerkstatt. Die Stadt Marburg kam für die Personalkosten, die Stiftung "Verantwortung und Zukunft" für den Großteil der übrigen Ausgaben auf.

Zahlreiche Marburger:innen beteiligten sich an der Betreuung der Gäste.

Im Sommer 2003 hielten sich 12 ehemalige ukrainische Zwangsarbeiter:innen im Alter zwischen 89 und 60 Jahren mit je einer Begleitperson in Marburg auf. Es kam zur Begegnung mit Neunt- und Zehntklässlern dreier Marburger Schulen: Sie nahmen Kontakt mit den Gästen auf, stellten sich vor und führten schließlich Interviews durch, andere konzipierten eine Ausstellung.

Der offizielle Teil des Besuchsprogramms umfasste den Empfang der Gäste im Marburger Rathaus durch den Oberbürgermeister und eine Kranzniederlegung am Gräberfeld der verstorbenen Zwangsarbeiter:innen und Kriegsgefangenen.

An der zweiten Begegnungswoche nahmen im Oktober 2004 sieben ehemalige Zwangsarbeiter:innen aus Polen und weitere acht Personen teil, die als Kleinkinder mit ihren Müttern nach Marburg verschleppt oder zwischen 1941 und 1946 von polnischen Zwangsarbeiterinnen in Marburg geboren wurden. Wieder waren Schulkinder einer 9. Klasse eingebunden. Ihre Interviews waren die Grundlage für eine Lesung, die mit überwältigender Resonanz im Marburger Schauspiel stattfand.

Im Sommer 2006 kamen noch vier Gäste aus Russland und Lettland.

Die Ergebnisse sind in einer Broschüre mit dem Titel „Ein Stadtrundgang in Marburg aus der Sicht ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus der früheren Sowjetunion“ [dem Publikum hier zeigen!] verarbeitet.

Zweifellos erfolgte die Auseinandersetzung mit dem Thema Zwangsarbeit viel zu spät, weil die allermeisten Betroffenen bereits verstorben waren. Für die öffentliche Debatte in Marburg war sie von großer Bedeutung, da Zwangsarbeit endlich als NS-Unrecht erkannt wurde. Davon abgesehen sind die Begegnungswochen für alle daran Beteiligten wohl unvergesslich geblieben.

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