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40-jähriges Jubiläum der Marburger Geschichtswerkstatt e.V.
Veranstaltung am 12. November 2024 im Historischen Rathaussaal Marburg

Von der Ausgrenzung zur Deportation

Beitrag von Klaus-Peter Friedrich


Klaus-Peter Friedrich,
Foto: © Andrea Freisberg

Mein Weg zur GW – und damit zur Marburger Lokalgeschichte – reicht nur halb so lang zurück wie das heutige 40-Jahre-Jubiläum. Er führte über Walter Bernsdorff, den damaligen Vorsitzenden, zugleich mein Nebenmann im Chor Politöne. Er lud mich ein, bei der anstehenden Begegnungswoche mit ehemaligen polnischen Zwangsarbeiter(inne)n als Dolmetscher teilzunehmen. Dies hieß unsererseits: Die betagten Menschen erst einmal abzuholen. So ging es dann mit dem Reisebus nach Posen – und gleich wieder zurück nach Marburg. Es folgten ausgefüllte Tage mit unseren Gästen. Und bei der nächsten Jahreshauptversammlung war ich gleich stellv. Vorsitzender (und blieb's dann lange Jahre).

Persönlich war ich aber in Vorgänge eingebunden, die mich von der Lokalgeschichte zunächst weit entfernten. Allerdings traf ich im April 2007 im Holocaust-Museum von Washington doch auf die eindrucksvollen Marburger Errungenschaften. Denn in der gut sortierten Bibliothek sind auch die drei Bücher der GW über die jüdische Bevölkerung in Stadt und Kreis Marburg zu finden!

Fünf Jahre später durfte ich für die GW an der historischen Erforschung der Unrechtstaten mitwirken, welche die Marburger Jäger begangen hatten. Dies im Auftrag der Stadt – die Stadtgesellschaft war nun erst bereit dazu. Mit Folgen übrigens, die ich und die anderen dabei Beteiligten wohl nicht so erwartet hätten: Heute ist das die Jäger ehrende Denkmal wirkungsvoll – und berichtigend – mit einem Gegendenkmal verbunden.

Inzwischen waren in Erinnerung an die NS-Opfer die ersten Stolpersteine verlegt worden. Damit mussten Lebenswege der Opfer genauer nachverfolgt werden. Barbara Wagner hat mit ihren Recherchen dazu viel zusammengetragen, was zuvor unbekannt war. Auch über die hiesigen Sinti war Neues herausgefunden worden. Mit einem beispielhaften und zu dem Zeitpunkt einzigartigen Mahnmal ehrte die Stadt Marburg im Jahr 2015 die vom Hauptbahnhof in vier Transporten Deportierten. (2022 wurde diese Idee auch in Schwalmstadt aufgegriffen.)

Neue Erkenntnisse machten es notwendig, den aktuellen Stand einzubeziehen. Bei Opfer-Schicksalen, die sich in den 1980er-Jahren nicht rekonstruieren ließen, konnten Lücken zwischenzeitlich geschlossen werden. Jene Deportierte, die von den Behörden als "unbekannt verzogen" verzeichnet wurden, waren keineswegs unbemerkt über die Ostgrenzen des Dritten Reichs "ausgewandert". Vielmehr hatte die Reichsbahn die zahlreichen Transporte in den Tod in ihren Fahrplan eingefügt, die ins besetzte osteuropäische Ausland fuhren.

Ein Projekt, das wir im Herbst 2014 bei einem Treffen im Haus der Bernsdorffs auf den Weg brachten, führte uns drei Jahre später zu dem Sammelband "Von der Ausgrenzung zur Deportation in Marburg und im Landkreis Marburg-Biedenkopf". Stadt Marburg, Landkreis und Sparkassenstiftung bekundeten ihr Interesse, doch musste die GW finanziell erst mal in Vorleistung gehen, was den Beteiligten einiges Kopfzerbrechen (und Stress) bereitete. Am Ende sollten von den mehr als 30 Orten in den Grenzen des heutigen Landkreises Marburg-Biedenkopf, in denen damals jüdische Menschen wohnten, 20 in der aktualisierten Neubetrachtung auftauchen.

Die Orts-Beiträge sind, was Vergleiche erleichtert, ähnlich aufgebaut. Es handelt sich um sehr unterschiedliche Gemeinden, die meisten vermitteln einen Eindruck vom jüdischen Leben auf dem Land in unserer Region Hessens: Wie es sich modernisierte, dem Landjudentum entwuchs, und wie es unter der NS-Vernichtungspolitik damit zu Ende ging.

Ansatzweise kommt zur Sprache, wer für die NS-Verbrechen verantwortlich war und wer im Landkreis Täter war. Auch Zielorte der Deportationen und Mordstätten im deutsch besetzten Gebiet – Lublin-Majdanek und Sobibór, wo jüdische Menschen aus unserm Kreis kurzerhand umgebracht wurden –, kamen dank Monica Kingreen in den Blick.

Über andere mussten wir jedoch hinweggehen. Ebenso über die langwierige Herausbildung einer angemessenen Erinnerungskultur und ihren fortlaufenden Wandel. Über 100 Seiten gelten aber Porträts von Einzelpersonen, Geschwistern und Familien und bieten zugleich eine große Zahl von Fotos, die hier zum ersten Mal veröffentlicht werden. Verfasst haben die Beiträge wohlgemerkt nicht nur professionelle Wissenschaftler/innen und Lehrer/innen, sondern zu einem bedeutenden Teil auch lokalgeschichtlich historisch Forschende aus anderen Berufsbereichen. Insofern erweist sich der Band als gelungene Umsetzung einer früheren Maxime der Geschichtswerkstättenbewegung, den Prozess der Erinnerungsarbeit nicht allein den Akademikern zu überlassen.

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