Geschichtswerkstatt Marburg e.V. Forschung für Regional- und Alltagsgeschichte![]()
|
|||||
Die "Morde von Mechterstädt" im März 1920 haben in der wissenschaftlichen Literatur über die Geschichte der Studentenschaft in der Weimarer Republik ebenso wie in den lokalhistorischen Studien über die Entwicklung der Universitätsstadt Marburg in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts stets einen herausgehobenen Stellenwert erhalten. Jede grundlegende Studie über das Verhältnis der Studentenschaft zur Demokratie in der Weimarer Zeit hat sich mit "Mechterstädt" beschäftigt und unisono vier Thesen bestätigt: Erstens: Mechterstädt steht beispielhaft für den militanten Antirepublikanismus weiter Teile der deutschen Studentenschaft, die in den Anfangsjahren der Republik auch vor politischem Mord nicht zurückschreckten. Zweitens: Die juristische Aufarbeitung der Erschießungen wird als markantes Beispiel politischer Gesinnungsjustiz gewertet. Drittens: Die reichsweite öffentliche Auseinandersetzung um Mechterstädt führte zu einer tiefgreifenden Polarisierung zwischen der Regierung und dem republikanischen Bürgertum auf der einen Seite und der Studentenschaft auf der anderen und war einer der Faktoren für ihre weitere Radikalisierung nach Rechts. Viertens: Die Morde von Mechterstädt im März 1920 brachten Marburg in den Ruf, ein "Hort der Reaktion" zu sein, ein Image, das der Stadt lange anhaftete ("Marburg, o Marburg, du wunderschöne Stadt, darinnen mancher Mörder gar gute Freunde hat", George Grosz). Der Marburger Historiker Hellmut Seier diagnostizierte gar, dass mit den Auseinandersetzungen um die Erschießungen und die folgenden Gerichtsprozesse ein "Trauma" einherging, das "Lehrkörper und Korporationen, Studentenschaft und Bürgerschaft spaltete" und das zur Erklärung des spezifischen Marburger Rechtstrends in der Weimarer Republik beitrug. Dieser wissenschaftliche Forschungsstand spielte lokalpolitisch und im Geschichts- und Traditionsverständnis der Marburger Studentenverbindungen Ende der achtziger Jahre und im Vorfeld des 70. Jahrestages der Ereignisse keine Rolle mehr. Die Korporationshistoriker haben ihn nie antizipiert (und argumentierten in ihren F estschriften noch auf den Niveau: "allerdings wurde den Studenten ihr Einsatz nicht gedankt".) Im Rathaus galten die 23 Studentenverbindungen Marburgs als Teil der touristischen Folklore der Universitätsstadt, die beim Maieinsingen, beim Marktfrühschoppen und bei ihren Stiftungsfesten öffentlich sichtbar wurden und von der Stadt- und der Universitätsspitze hofiert und gewürdigt wurden. Sichtbares Zeichen dieses Bündnisses ist bis heute der sogenannte Freundschaftsbrunnen am Rudolphsplatz, der 1977 anlässlich der 450-Jahrfeier der Philipps-Universität von den Marburger Korporationen gestiftet wurde. Bei der Touristik-Information konnte man sich seinerzeit die kostenlose Broschüre "Studentenverbindungen in Marburg" abholen, die vom damaligen Verkehrsdirektor Hans-Christian Sommer angeregt und vom Magistratspressesprecher Erhart Dettmering gestaltet wurde. Seitens der Universität formulierte ihr damaliger Präsident Dietrich Simon anlässlich des 150. Stiftungsfestes des Corps Hasso Nassovia im Juli 1989: "Lassen Sie uns das traurige Schweigen beenden und ein eisernes Kartell zwischen der Universität und dem Corps schließen!" Das war der Trigger. Die Hasso Nassovia und Simon wollten die "Traditionen vor dem Zeitgeist bewahren". Wir wollten zeigen, dass nicht der Zeitgeist sondern das Traditionsverständnis der Korporationen das Problem war. Ich saß im Wintersemester 1989/90 im Hauptseminar "Militär und Stadt seit 1866", das von Georg Fülberth geleitet wurde und schrieb an einer Arbeit über "(Para-)militärisches Engagement der Marburger Studentenschaft von der Novemberrevolution bis zum Kapp-Putsch". In diesem Rahmen habe ich mich dann auch mit den Morden von Mechterstädt und seinen Folgen beschäftigt. Der 70. Jahrestag 1990 hat dann eine lokalgeschichtspolitische Kontroverse ausgelöst, die lange nachwirkte und letztlich auch zur Gedenktafel für die Opfer von Mechterstädt an der Alten Universität 2019 führte. Was veränderte sich 1990? Warum gelang es uns damals, eine Debatte zu entfachen, die auch überregional wahrgenommen wurde? Im Rückblick scheint mir, dass der Fall der Mauer und seine politischen Folgen bis hin zur Wiedervereinigung ein wesentlicher Faktor war. Die Korporationsverbünde wollten raus aus dem "Schweigen" und wieder sichtbar politisch aktiv werden. Noch im November 1989 gab es einen von den Burschenschaften Germania und Rheinfranken organisierten Fackelzug von Verbindungsstudenten durch die Marburger Oberstadt mit der Parole "Einheit jetzt". Am rechten Rand der Burschenschaften beobachteten wir, dass Teile ihrer Aktivitas die Kader bei der Gründung des Republikanischen Hochschulverbandes stellten. Und dann stand 1992 auch noch der 175. Jahrestag des Wartburgfestes in Eisenach an. "Mechterstädt" war dann der Auftakt einer langjährigen Beschäftigung der Geschichtswerkstatt und weiterer Marburger Akteure (AK Wartburg 92, Projekt Konservatismus und Wissenschaft) mit der Geschichte und Gegenwart der Studentenverbindungen, aus der einige Schriften, Publikationen und auch zwei Promotionen hervorgingen. Damit "Mechterstädt" zur lokalpolitischen Kontroverse werden konnte, brauchte es noch weiterer Zutaten, die ich im Staatsarchiv Marburg und im Bundesarchiv in Koblenz ausgraben konnte. Zum einen: Durch meine Archivarbeit im Seminar bei Georg Fülberth konnte ich die Täter, die zuvor immer nur als "Marburger Studenten" oder nur generell als "Burschenschafter" bezeichnet wurden, mit ihren konkreten Verbindungszugehörigkeiten nachweisen. Im Staatsarchiv lagen die Akten der Studentenverbindungen, die noch in der Weimarer Zeit die Listen ihrer Aktivitas der Universitätsleitung melden mussten. So konnte ich nachweisen, dass sämtliche vor dem Kriegsgericht angeklagten Marburger Studenten Verbindungsstudenten waren: Drei gehörten der Burschenschaft Germania an, zwei der Alemannia, einer dem Corps Rhenania Freiburg, zwei dem Corps Teutonia und sechs – ausgerechnet – dem Corps Hasso-Nassovia. Des Weiteren: Im Nachlass von Walter Luetgebrune, dem Verteidiger der angeklagten Studenten, der im Bundesarchiv in Koblenz liegt, fanden sich hervorragende Schriftstücke, die zeigten, wie politische Justiz im Detail funktionierte und damit auch die letzte Argumentationslinie der Verbindungshistoriker erledigten (dass nämlich der Freispruch vor dem Kriegsgericht auch vor der zivilen Instanz, dem Schwurgericht in Kassel, bestand gehabt habe). Am 70. Jahrestag der Morde von Mechterstädt mussten sowohl die Studentenverbindungen, voran die Hasso-Nassovia, aber auch das Rathaus mit seinem SPD-Oberbürgermeister Hanno Drechsler und nicht zuletzt die Universitätsleitung über ihre Traditionen und Bündnisse mit rechten Studenten nachdenken. Ergebnisse: Am 24. März 1990 legte die Marburger SPD mit ihrem Oberbürgermeister Drechsler einen Kranz für die Opfer von Mechterstädt auf dem Friedhof in Bad Thal nieder. Am Jahrestag selbst gab es dann eine Kundgebung der Marburger DPK? DKP mit Ulli Stang an der Spitze. Und zu guter Letzt tauchte dann die Geschichtswerkstatt zusammen mit dem Asta und dem DGB in Mechterstädt und Thal auf. Auch Universitätspräsident Dietrich Simon hatte sich bewegt: In einem Offenen Brief an den Rat der Gemeinde Thal gedachte er mit "Trauer und Betroffenheit" der Ereignisse, merkte aber noch an, dass "die Geschichtswissenschaft anhand der ihr bisher zur Verfügung stehenden Quellen [...] die Vorfälle nicht völlig zu klären" vermochte. Als Statement der Unileitung war das zu wenig. Sein Nachfolger als Unipräsident, Werner Schaal, hat sich deutlicher positioniert. Er beauftragte den Historiker Peter Krüger, der die Marburger Forschungsstelle für Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte leitete, ein Mechterstädt-Kolloquium zum 75. Jahrestag 1995 auszurichten. Er hat es in "enger Zusammenarbeit mit der außeruniversitären Forschung" (gemeint ist die Geschichtswerkstatt) organisiert. |
|||||
Startseite
|
Impressum und Datenschutzerklärung
|
nach oben
© Geschichtswerkstatt Marburg 2025 |