Geschichtswerkstatt Marburg e.V. Forschung für Regional- und Alltagsgeschichte![]()
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Literatur und Ereignisse auf dem Weg zum Gedenken:
Gewöhnlicher weise wird Geschichte gerne als Fortschritt erzählt, das könnte man auch hier tun. Doch leben wir in einer Zeit, in der die Uhren zurückgestellt werden und es zunehmend unklar ist, ob es tatsächlich einen Lernprozess gegeben hat oder ob das, worüber ich erzählen will, nur eine Episode, wenn auch eine helle, geblieben ist. Die helle Geschichte beginnt in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Wenn wir uns zurückversetzten sehen wir überall regionale Forschung über die Zeit des Nationalsozialismus am Werk – die Geschichtswerkstatt ist Teil dieser Zeitströmung. 1980 widmet sich der Schülerwettbewerb des Bundespräsidenten zum ersten Mal der Zeit des Nationalsozialismus, werden wir noch über Barbara Händler-Lachmanns und Thomas Werthers Projekt über jüdische Geschäfte in Marburg hören. Was zuvor eher an den großen Konzentrationslagern und Vernichtungslagern festgemacht wurde, bekommt eine regionale Ergänzung und Geschichte. Besonders sinnfällig wird dies an den Außenlager der im Deutschen Reich befindlichen Konzentrationslager, die in der Endphase des Krieges überall entstehen und das Schreckensgesicht des NS-Terrors quasi zur Alltagserfahrung überall im Deutschen Reich machen. Wir sind an diesem Prozess der Aufklärung beteiligt, der gerne und oft mit dem schrecklichen Begriff der Aufarbeitung der Vergangenheit belegt wird (Brennstäbe sind es ja nicht ...). Eine besondere Stellung nimmt dabei die Geschichte Stadtallendorfs in der Region, die durch die Zwangs- und Sklavenarbeit tausender Menschen geprägt ist. Die Ansiedlung der Munitionsfabriken, des KZ-Außenlagers Münchmühle stellt die Geschichte des kleinen oberhessischen, mehr oder weniger, Dorfes auf den Kopf und verändert den Charakter des Dorffleckens für immer. Nichtsdestotrotz konnte man auch hier die Augen verschließen, es bedurfte einer Schülerarbeit aus dem benachbarten Kirchhain (!!!) um den Finger in die Wunde zu legen. Es kam zu einer öffentlichen Diskussion unter Beteiligung des Fernsehens, in die wir einbezogen waren. Die Stadt beugte sich diesem Druck und es entstanden mit der Hilfe der Geschichtswerkstatt in der Dimension sehr große und bleibende Projekt, zum einen ein Treffen der Überlebenden des Außenlagers Münchmühle, eine Mahnmal- und Gedenkstätte, das an das KZ Außenlager erinnert, und im weiteren Verlauf ein bis heute bestehende Bildungseinrichtung und Museum, das DIZ Stadtallendorf. (Kurz zum historischen Hintergrund, wenn notwendig:) 1938 wurde bei Allendorf die damals größten Munitionswerke Europas errichtet. Im Laufe des Krieges wurden hier circa 20.000 Menschen aus 29 Nationen zur Zwangsarbeit in den Munitionswerken gezwungen. Darunter 1000 jüdische Frauen, die die Deportation aus Ungarn und die Selektion in Ausschwitz 1944 überlebt hatten und in einem KZ-Außenlager von Buchenwald in der Rüstungsproduktion eingesetzt wurden. Die Diskussion um das KZ-Außenlager erregte das öffentliche Interesse und nach einigem Zögern und erster Abwehr (damals unter einem CDU-Bürgermeister) stieg auch die Stadt mit ein, ein Förderverein wurde gegründet und ich und Wolfgang Form und später noch ein weiterer Kollege wurden angestellt um die Forschung voranzutreiben, aber auch ein "Ehemaligen-Treffen" vorzubereiten. Die Forschung zur Zwangsarbeit wurde zur Grundlage der Gründung des Museums und einer Bildungseinrichtung, des DIZ. Nach fast zweijähriger Vorbereitung kam es zu einem "Ehemaligen-Treffen" der Überlebenden des KZ-Außenlagers, an dem – soweit ich mich erinnere – 200 (es waren 148) ehemalige Zwangsarbeiterinnen aus 10 Nationen teilnahmen. Es war sicher eines der größten Ereignisse dieser Art in Deutschland zu dieser Zeit und konnte nur realisiert werden, da mehr oder weniger die ganze Stadtverwaltung, Stadtjugendpflege und die Schulen einbezogen waren. Für viele der Überlebenden war es ein katharisches Erlebnis mit vielen jungen Deutschen zusammenzukommen, die sich um sie kümmerten und, soweit das irgendwie ging, ihren Aufenthalt so angenehm wir möglich zu gestalten. Daraus entstanden langjährige Beziehungen zu Stadtallendorf. Einige Überlebende haben daraus auch die Konsequenz gezogen, die Erinnerung zu ihrem eigenen Lebensthema zu machen. Besonders erwähnen möchte ich Éva Fahidi -Pusztai seligen Angedenkens, die zwei Bücher in der Folge geschrieben hat, eine sehr beeindruckende Frau, die letztes Jahr hochbetagt verstorben ist. Die Bücher, Anima Rerum. Meine Münchmühle in Allendorf und meine wahren Geschichten, Stadtallendorf 2004 und Die Seele der Dinge, Berlin 2011. Die Bücher habe ich dabei. Die Rüstungsindustrie hat das Gesicht Allendorfs für immer verändert. Ein Industriestandort ist nach dem Krieg entstanden und Fabriken darunter Ferrero, wer kennt die Firma nicht, sind in die Bunker und Fabrikruinen eingezogen. Z ugleich setzte der Zuzug von ausländischen Arbeitskräften ein, so dass eine Bevölkerungsstruktur entstanden ist, die eher in ihrer Vielfalt Frankfurt gleicht als einer hessischen Gemeinde im ländlichen "somewhere". Dieser Gesamtgeschichte widmet sich das DiZ, das aus diesen Projekten entstanden ist. Ich möchte die Bedeutung der regionalen Forschung zur Verfolgung im Nationalsozialismus nicht überbetonen, nichtsdestotrotz hat das Netz der lokalen Initiativen, zu denen wir zählen, und denen wir fast überall in der Bundesrepublik in den 80er Jahren begegneten, dazu beigetragen, dass es eine Entschädigung für die erlittene Zwangsarbeit gegeben hat. Aber das ist eine ganz eigene Geschichte und für mich eine persönliche, die mein weiteres Leben nach der Geschichtswerkstatt bestimmt hat. |
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