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Bisher 1700 Versklavte sind namentlich bekannt

Zwangsarbeit war Normalität in Marburg

Artikel aus der "Marburger Neuen Zeitung", vom 17.08.2000, von Barbara Wagner

Marburg. Großes Zuhörer- und Medieninteresse fand die Einladung des Marburger Stadtverordnetenvorstehers Heinrich Löwer (SPD), sich von Mitgliedern der Marburger Geschichtswerkstatt über "Zwangsarbeit von Ausländern in Marburg in den Jahren 1939 bis 1945" informieren zu lassen. Rund 80 Interessierte, darunter Mitglieder aller Fraktionen des Stadtparlaments und der Bürgermeister Egon Vaupel, waren gekommen. Es fehlte der Oberbürgermeister Dietrich Möller, der sich bei dem Stadtverordnetenvorsteher auch nicht entschuldigt hatte.

Für das Forschungsprojekt der Geschichtswerkstatt hatte das Stadtparlament in einer Sitzung Ende März 10 000 Mark bereitgestellt. Wolfgang Form, Thomas Werther und Albrecht Kirschner von der Geschichtswerkstatt machten sich in Zusammenarbeit mit dem Leiter des Marburger Stadtarchivs, Ulrich Hussong, an die Sichtung der Akten.

Dabei zeigte sich, dass entgegen landläufigen Vorstellungen vielfältiges Material über die ausländischen "Arbeitskräfte" vorhanden ist. Sie waren, wie Löwer betonte, eine fest eingeplante Größe der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft. Durch den Abzug praktisch aller arbeitsfähigen Männer für den Krieg sei das Wirtschaftsleben - und vor allem auch die landwirtschaftliche Produktion - in Deutschland ansonsten zusammengebrochen.

Begünstigt wird die Aktenlage dadurch, dass die Verwaltung mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Nationalsozialismus von einer manischen - zum System gehörenden - Regelungswut beseelt war. Nichts blieb dem Zufall überlassen, alles wurde akribisch festgehalten.

Eine besondere Rolle bei der Zwangsarbeit spielten seinerzeit die Arbeitsämter, berichtete Form: Sie koordinierten den Einsatz der Zwangsarbeiter. Zudem mussten Lohnsteuer entrichtet und Beiträge zu den Sozialversicherungen gezahlt werden, so dass bei den Finanzämtern und den Kranken- und Rentenkassen (in einigen Fallen bei Betriebskrankenkassen) Unterlagen über die Versklavten vorhanden sind. Die Überwachung der Menschen war perfekt: Umfangreiche Karteien geben darüber Auskunft.


Selbst im Unrecht gab es in Nazi-Deutschland keine Anarchie. Zwangsarbeit war nicht machtgetriebene Willkür - sondern akribisch geregeltes "Recht". So schrieb das Reichsgesetzblatt von 1940 in allen Details vor, wie "Zivilarbeiter polnischen Volkstums", die im Reich eingesetzt wurden, "kenntlich gemacht" werden mussten. Die Anlage zu jenem Gesetzblatt gab sogar millimetergenaue Maße für das "P" vor, das die polnischen Zwangsarbeiter tragen mussten.

Den Begriff "Zwangsarbeiter" haben die Nationalsozialisten natürlich nicht verwendet. Gemäß damaliger Sprachregelung waren es zum Beispiel "Zivilarbeiterinnen und -arbeiter polnischen Volkstums" oder auch "0starbeiter" aus dem "altsowjetischen" Bereich. Hinzu kamen Arbeiter aus den westlichen Ländern, die nach der nationalsozialistischen Ideologie auf Grund ihrer "Rassezugehörigkeit" einen anderen Status hatten. Bin großer Teil der ausländischen Arbeiter in Marburg waren Kriegsgefangene. Auch diese Gruppe bezog die Geschichtswerkstatt in ihre Forschungsarbeit mit ein.

Die Differenzierungen bei den Nichtdeutschen, die im Krieg für Deutschland schuften mussten, führt auch heute noch (insbesondere am rechten Rand des politischen Spektrums) immer wieder zu Verharmlosungen des Unrechts - wie kürzlich in der Rede des Republikaners Gerhard Lengelsen vor dem Kreistag des Kreises Marburg-Biedenkopf: Er sprach von Millionen freiwilliger Arbeiter. Die Forscher der Geschichtswerkstatt machten deutlich, dass alle ausländischen Arbeitskräfte, egal unter welchen Bedingungen sie ursprünglich nach Deutschland gekommen waren, hier unter Zwang arbeiten und leben mussten. In Marburg sind dabei mindesten 89 Menschen während ihres Arbeitseinsatzes unter fragwürdigen Umständen gestorben.

Die Entlohnung entsprach in keinem Fall der geleisteten Arbeit und war immer geringer als das Entgelt für Deutsche. So wird in einer Entgelttabelle für Ostarbeiter, die in einer Verordnung vom 30. Juni 1942 die Einsatzbedingungen dieser Menschen regelt, zwar auf einen Vergleichslohn eines deutschen Arbeiters Bezug genommen. Die tatsachliche Bezahlung bei gleicher Arbeit unterschied sich aber erheblich. Bei einer Arbeit mit einem Bruttolohn eines Deutschen von ungefähr 390 Reichsmark monatlich (also hochbezahlte Arbeit) blieb dem russischen Arbeiter nach Abzug des Unterbringungs- und Verpflegungssatzes und einer nicht nachvollziehbaren Umrechnung ein auszuzahlender Betrag von 88,50 Reichsmark.

Die Forschungsgruppe ging in dieser ersten Zwischenbilanz vorrangig auf die Zahl der Zwangsarbeiter ein: Von den bisher 1200 namentlich bekannten Männern und 500 Frauen waren knapp 1300 Zivilisten; rund 400 waren Kriegsgefangene, vor allem Russen, Franzosen, Italiener und Polen.

Der "Arbeitgeber" mit dem höchsten "Sklaven"-Bedarf war die Stadt selbst, zum Beispiel für Baumaßnahmen und Dienstleistungen wie Müllabfuhr. Die Forschungsarbeit der Geschichtswerkstatt brachte einen Punkt ans Licht, der in dieser Form bisher nicht bekannt war: Offenbar verwaltete die Stadt durch ihr Tiefbauamt einen regelrechten Kriegsgefangenenpool und vermittelte Kriegsgefangene als Arbeitskräfte an Firmen.

Daraus konnten nicht unerhebliche Überschüsse erwirtschaftet werden, die nach heutiger Wertschätzung in die Millionen gehen.

Bei den Wirtschaftsunternehmen waren die Behringwerke der größte Arbeitgeber für ausländische Arbeitskräfte. Zu Kriegsende arbeiteten dort 278 Menschen dieser Gruppe. Sie wurden zum Beispiel zu Hilfstätigkeiten wie der Tierpflege herangezogen. Die Tiere wurden für die Erzeugung der Impfstoffe benötigt. Sie mussten aber auch als sogenannte "Läusefütterer" herhalten, das heißt, Läuse wurden zur "Blutfütterung" an Arme oder Beine der Zwangsarbeiter gesetzt.

Angeblich wurde die Infizierung der Läuse mit dem Fleckfieber erst nach der "Fütterung" vorgenommen. Aber die Firmenleitung nutzte auch hochqualifizierte Akademiker aus Russland als Hilfskräfte in den Laboren.

Doch auch der Einsatz in Privathaushalten, kleinen Geschäften und der Landwirtschaft gehörte während der Kriegszeit zum Alltag.

Ein Ergebnis der Informationsveranstaltung: Die Zuhörerinnen und Zuhörer forderten ein, dass die Arbeits- und Lebensbedingungen der Zwangsarbeiter weiter erforscht werden. Das Stadtparlament wird darüber entscheiden, ob es diese Forschung weiter unterstützt. Strittig dagegen blieben die Konsequenzen aus dem Festgestellten. Hintergrund: Die Städte und Gemeinden zahlen keine eigenen Beiträge in die Kasse für die Entschädigung der Zwangsarbeiter. Vielmehr ist ihr Beitrag abgedeckt durch die fünf Milliarden Mark, die Deutschland in den Entschädigungsfonds zahlt. Die Kommunen werden indirekt zur Kasse gebeten: durch Kürzung von Zuschüssen.

Aus dem Publikum wurde dem entgegengehalten, dass zum Beispiel die Stadt Darmstadt allen noch zu ermittelnden Zwangsarbeitern 10 000 Mark auszahlen will. Marburgs Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Löwer wollte die Verantwortung für Wiedergutmachungszahlungen aber nicht alleine auf die Stadt abgewalzt sehen.


Wie Zwangsarbeit in Marburg tatsächlich ausgesehen hat, erforscht derzeit die Geschichtswerkstatt. Erste Ergebnisse dieses Projekts stellte Wolfgang Form nun im Sitzungssaal des Stadtparlaments vor. (Foto: Wagner)

Alleine die Debatte über Finanzen scheint aber zu kurz zu greifen. So wandte eine Zuhörerin ein: "Was haben wir sonst von den Forschungen, außer dass Geschichten erzählt werden?" Ob sie anregen wollte, aus der Vergangenheit zu lernen? Schließlich spielt bei der Diskussion über den zunehmenden Rechtsradikalismus in Deutschland das Argument des nützlichen, von der Wirtschaft benötigten Ausländers eine immer stärkere Rolle. Die Lebensumstände der Menschen zu untersuchen, die in Deutschland schon einmal alleine aus Nutzenerwägungen heraus arbeiteten und lebten, könnte da hilfreich für heutige Diskussionen sein.

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