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Stolpersteine - Steine gegen das Vergessen

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Familie Bachrach


Für Dr. Ludwig Bachrach, Bertha Bachrach geb. Bachrach, Walter Helmut Bachrach und Albrecht Artur Bachrach.


Das Wohnhaus der Familie Ludwig Bachrach in der Bahnhofstraße 18. Foto: Wagner, 2011

Die Steine wurden verlegt am 29.09.2011.

HIER WOHNTE
DR. LUDWIG BACHRACH
JG 1884
BERUFTSVERBOT 1933
FLUCHT 1933
FRANKREICH
TOT 1942 IN
DIJON

HIER WOHNTE
BERTHA BACHRACH
GEB. BACHRACH
JG. 1894
FLUCHT 1933
FRANKREICH
ÜBERLEBT

HIER WOHNTE
WALTER HELMUT
BACHRACH
JG. 1915
FLUCHT 1933
FRANKREICH
INTERNIERT DRANCY
DEPORTIERT 1942
AUSCHWITZ
ERMORDET

HIER WOHNTE
ALBRECHT ARTUR
BACHRACH
JG. 1922
FLUCHT 1933
FRANKREICH
INTERNIERT DRANCY
DEPORTIERT 1942
AUSCHWITZ
ERMORDET

Im Jahr 1911 eröffnete der Rechtsanwalt Dr. Ludwig Bachrach ein Rechtsanwalts- und Notariatsbüro im Hause seines Vaters in der Bahnhofstraße 36. 1914 bezog er mit seiner Frau Bertha geb. Bachrach eine Mietwohnung in der Bahnhofstraße 18. Sieben Jahre später verlegte er seine Büroräume in die erste Etage des Geschäfts- und Bürohauses Bahnhofstraße 13. Er hatte bis zu 11 Kanzleiangestellte, sowie jeweils einen Assessor und einen Referendar. Gesetze und Erlasse bereits aus dem Jahr 1933 bedeuteten das Ende der freien und uneingeschränkten Berufstätigkeit der jüdischen Rechtsanwälte und Notare. Die Justizbehörden und die nichtjüdische Konkurrenz versuchten darüber hinaus Dr. Ludwig Bachrach zu kriminalisieren. Am 6. Juni 1933 schickten drei Marburger Rechtsanwälte ein Schreiben an den Landgerichtspräsidenten, in dem sie Bachrach der Falschbeurkundung im Jahr 1925 beschuldigten. Daraufhin wurde Bachrach in Untersuchungshaft genommen.

"Jüdischer Anwalt verhaftet. Festgenommen wurde der jüdische Rechtsanwalt Bachrach, als er die Synagoge verließ. Er soll sich Unregelmäßigkeiten zu Schulden haben kommen lassen. Bachrach hat einen Nervenzusammenbruch erlitten und mußte der Medizinischen Klinik zugeführt werden."

So steht es im August 1933 in der "Hessischen Volkswacht". An den Beschuldigungen und Denunziationen war ein Angestellter Bachrachs, ein nichtjüdischer Anwalt, der nach dessen Flucht die Kanzlei übernahm und nach dem Krieg Staatsanwalt wurde, federführend beteiligt. Der Konkurrenzgedanke spielte gerade in den freien Berufen eine besondere Rolle: Die Rassenpolitik der Nationalsozialisten ermöglichte es zahlreichen Nicht-Juden auf Grundlage dieses Unrechts für sich bessere berufliche Voraussetzungen zu schaffen.

Die Anschuldigungen konnten nicht bewiesen werden. Im Herbst 1933 floh die Familie Bachrach - das Ehepaar und seine beiden Söhne, die auf die Martin-Luther-Schule gegangen waren - nach Straßburg, dann nach Dijon in Frankreich. 1934 wurde in Deutschland steckbrieflich nach Dr. Bachrach gefahndet und sein gesamtes Vermögen beschlagnahmt. Er war zu dieser Zeit bereits stark gesundheitlich beeinträchtigt. Ludwig Bachrach, der am 20. Juli 1884 in Neustadt geboren worden war, starb mit nur 57 Jahren am 8. März 1942 in Dijon.

Seine Söhne Walter Helmut, geboren am 9. Juni 1915 in Marburg und Albrecht Artur, geboren am 16. März 1922 in Marburg wurden von der Gestapo in das KZ Drancy verschleppt und von dort nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Die Ehefrau Bertha Bachrach geb. Bachrach, die am 18. Februar 1894 in Neustadt geboren worden war, überlebte den Holocaust und kehrte 1958 nach Marburg zurück. Die Justiz im Nachkriegsdeutschland machte es ihr nicht leicht, zumindest ihren materiellen Besitz zurück zu erhalten. In nervenaufreibenden Gerichtsverhandlungen musste sie um ihren Besitz kämpfen. Sie heiratete in zweiter Ehe Sally Bachrach aus Neukirchen (Knüll), Schwalm-Eder-Kreis. Auch er hatte den Holocaust überlebt. Am 8. Oktober 1980 starb sie in Marburg, ihr Mann starb nur zwei Jahre später. Beide wurden auf dem jüdischen Friedhof in Marburg beerdigt.

Text: Barbara Wagner
Quelle: Barbara Händler-Lachmann/Thomas Werther, Vergessene Geschäfte verlorene Geschichte

 


Das Grab von Bertha Bachrach und ihrem zweiten Mann auf dem jüdischen Friedhof in Marburg. Fotos: Sabine Pistor, 2011

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