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Stolpersteine - Steine gegen das Vergessen

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Familie Hess


Für Bertha Hess geb. Stern, Levi Hess, Gerda Hess verh. Stern und Adolf Hess.


Der Platz, an dem das Haus der Familie Hess stand, im Jahr 2014. Fotos: Wagner

Die Steine wurden verlegt am 09.10.2014.

HIER WOHNTE
LEVI HESS
JG. 1873
UNFREIWILLIG VERZOGEN
1938 FRANKFURT / M.
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
1942 TREBLINKA
ERMORDET

HIER WOHNTE
BERTHA HESS
GEB. STERN
JG. 1870
UNFREIWILLIG VERZOGEN
1938 FRANKFURT / M.
TOT 5.11.1940

HIER WOHNTE
GERDA HESS
VERH. STERN
JG. 1901
HEIRAT / UMZUG
FRANKFURT / M.
FLUCHT 1937
USA

HIER WOHNTE
ADOLF HESS
JG. 1906
FLUCHT 1938
USA


Bertha Hess, Foto aus der Kennkarte


Das Foto zeigt die noch unverheiratete Gerda Hess mit zwei Nachbarsmädchen in Wehrda. (Foto: privat)


Adolf Hess, Foto aus der Kennkarte


Das Bild zeigt die Vorderansicht des Hauses der Familie Hess. Die gegenüberliegende Scheune wurde am 22.02.1945 von amerikanischen Jagdbombern in Brand geschossen, aber wieder aufgebaut. Später wurden Haus und Scheune abgerissen. Heute befindet sich hier die Bushaltestelle Mengelsgasse in Richtung Sachsenring. (Foto: privat)


Im Vordergrund des Fotos sieht man die Rückseite des Hauses der Familie Hess mit dem quer stehenden Anbau und die gegenüberliegende Scheune. Links daneben ist noch das Backhaus zu erkennen. (Foto: privat)


Wie die "Deportationsliste" vom September 1942 zeigt, wohnte Levi Hess vor seiner Deportation nach Theresienstadt in der Gaußstraße 41 in Frankfurt am Main. Quelle: http://www.statistik-des-holocaust.de , 09.10.2014

Die Familie Hess, das Ehepaar Bertha und Levi mit ihren Kindern Gerda, Adolf und Ernst, lebte im Haus Nr. 20 in Wehrda. Bertha Hess (Foto oben), geboren am 15. Oktober 1870 in Wehrda, war eine Tochter von Samuel Stern und Giedel Löwenstein. Die Familie Stern lebte nachweislich schon im 18. Jahrhundert in Wehrda. Der Viehhändler Salomon Stern, Bertha Hess' Großvater, erhielt 1816 die Bürgerrechte und kaufte ein Haus in der heutigen Straße "Rosengarten", die seitdem von den Wehrdaern Judengasse genannt wurde. Bertha Hess geb. Stern hatte mindestens sechs Geschwister.

Ihr Ehemann, Levi Hess, wurde am 4. Juli 1873 in Oberasphe geboren. Das Ehepaar hatte drei Kinder: Gerda Hess, geboren am 19. Februar 1901, Adolf Hess, geboren am 14. Januar 1906 und Ernst Hess, geboren am 6. Februar 1910.

Ernst Hess ging wohl schon vor der NS-Zeit in die USA. Bei der Volkszählung 1940 wurde er in der Bronx in New York City registriert. Zu diesem Zeitpunkt war er ledig und arbeitete als Angestellter. Am 14. Mai 2004 starb er in Deerfield Beach Florida. Über Nachkommen ist nichts bekannt.

Gerda Hess besuchte von 1911 bis 1917 die Elisabethschule in Marburg. Sie heiratete den am 7. März 1894 geboren David Stern in Frankfurt am Main. Dem Ehepaar Gerda Stern geb. Hess und David Stern gelang die Flucht in die USA. Es erreichte New York im Oktober 1937, wo das Paar auch weiterhin wohnte. David Stern stellte wohl Kleidung in dem bekannten Garment District in Manhattan her. Er starb im August 1979 im Bundesstaat Maryland, seine Frau im Jahr 1991.

Adolf Hess blieb bei seinen Eltern in Wehrda. Vater und Sohn arbeiteten als Viehhändler und Metzger. Diese Berufe spielten in den ländlichen bäuerlichen Dorfgemeinschaften eine wichtige Rolle. Der Handel beruhte auf gegenseitigem Vertrauen. Aber auch Missgunst und Neid, die besonders in Zeiten wirtschaftlicher Probleme wuchsen, waren Begleiter des Miteinanders zwischen Juden und Nichtjuden.

1933 wurde der Antisemitismus zur Staatsraison. Die Juden wurden aus dem Wirtschaftsleben gedrängt, sie sollten Deutschland verlassen. Die in Deutschland zurückgebliebenen Juden wurden ab 1941 in den Osten deportiert und ermordet.

Der Pächter des Görzhäuser Hofes bezahlte schon ab 1933 seine Schulden bei dem Viehhändler Levi Hess nicht mehr. Am 15. November 1935 berichtete der Landrat an das Parteigericht der NSDAP, dass die Metzger Ferdinand Lang und Karl Albrecht aus Marburg bei Levi Hess noch Vieh gekauft hätten. Am 8. Juni 1936 verkaufte der Wehrdaer Landwirt Löwer Vieh an Levi Hess. Auch dies wurde dem Parteigericht mitgeteilt. Handel und Gewerbe, die den Lebensunterhalt sichern sollten, war unter diesen Umständen nicht mehr möglich.

Zudem spielte sich in diesen Jahren ein weiteres Drama im Leben der Familie Hess ab. Adolf Hess wurde am 5. April 1937 vom Schöffengericht in Marburg wegen "Anstiftung zur versuchten Abtreibung" zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Die Gerichtsakte konnte nicht mehr gefunden werden. Es lässt sich nur vermuten, welche abstrusen Beschuldigungen zu einer so hohen Freiheitsstrafe führten.

Adolf Hess musste die Gefängnisstrafe in voller Länge erdulden. Für ihn gab es jetzt keinen Grund mehr, die Flucht aus Deutschland weiter aufzuschieben. Er wollte zu seinen Geschwistern in die USA. Die NS-Administration unterstützte sein Vorhaben - keinesfalls aus Menschenfreundlichkeit, sondern aus der rassistischen NS-Ideologie heraus. Seine Gefängnisstrafe hätte die Einreise in die USA erschwert oder sogar unmöglich gemacht. Deshalb verzichteten die Behörden darauf, die Strafe im geforderten Leumundszeugnis aufzuführen.

Der Landrat hatte das Gesuch von Adolf Hess, die Gefängnisstrafe nicht auszuweisen an den Regierungspräsidenten in Kassel weitergereicht. Am 7. Mai 1938 heißt es in einem Schreiben des Landrats: "Der erste Antrag von Hess wurde am 25. März 1938 […] vorgelegt. Ich darf um Beschleunigung bitten, damit der Jude auswandern kann."

Adolf Hess (Foto oben) flüchtete nach Baltimore und wohnte 1940 zusammen mit seiner Schwester und seinem Schwager in New York. Er arbeitete wieder als Metzger. Er starb 1977. Über Nachkommen ist nichts bekannt.

Bertha und Levi Hess mussten auf Druck der Behörden Wehrda ebenfalls verlassen. Sie zogen nach Frankfurt am Main in die Elkenbachstraße 22 in Bornheim. Das Haus gehörte der jüdischen Familie Strauß aus Langen, die ebenfalls in die Großstadt geflüchtet war.

Am 5. November 1940 starb Bertha Hess im Alter von 70 Jahren im Rothschild'schen Hospital im Röderbergweg 97. Als Todesursache wurde Herzschlag angegeben. Das Hospital war nach dem frühen Tod der Georgine Sara Rothschild von ihrer Familie gestiftet worden. Die Zwangsauflösung dieser Einrichtung erfolgte im April 1941.

Levi Hess wurde am 1. September 1942 ab Frankfurt am Main nach Theresienstadt deportiert. Von dort wurde er am 29. September 1942 nach Treblinka verschleppt und ermordet. Auch seine Schwester Bertha Nathan geb. Hess mit Ehemann Hermann Nathan und sein Bruder David Hess mit Ehefrau Frieda Hess und Sohn Oskar Hess wurden ermordet.


Der Radfahrverein in Wehrda: Adolf Hess ist in der ersten Reihe als dritter von rechts zu sehen. (Foto: privat)


Der Wehrdaer Gesangsverein feierte 1926 sein 60-jähriges Bestehen: Adolf Hess steht als 5. von links in der 4. Reihe von unten. (Foto: privat)

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